Motorrad-Reise durch den Sudan 2006

 

 

 

Der folgende Reisebericht wurde freundlicherweise von Rita und Christian zur Verfügung gestellt. Ihre ausführliche Berichte finden Sie unter http://www.rci-ontour.de

16.5.06 Einreise und erste Übernachtung

Nach 17 Stunden Bootsfahrt sind wir gegen 11 Uhr in Wadi Halfa/Sudan angekommen. Im Gegensatz zu Ägypten geht es hier relativ gesittet zu, als die Leute von Bord gehen. Gleich als wir an Land sind, spricht uns jemand an, der sich als Helfer für die Zoll- und Einreiseangelegenheiten rausstellt. Es braucht nicht viel Zeit, dass wir überredet sind. Es ist ziemlich heiss. Die Anlegestelle ist mitten in der Wüste und sieht nicht so aus wie eine. Wenn uns hier jemand treffen würde und wir sagen, dass wir gerade mit einem Schiff angekommen sind - er würde die Antwort auf die Hitze schieben. Das alte Wadi Halfa ist in den Fluten des Nasser Stausees unter gegangen. Von Stadt im eigentlichen Sinne kann man bei Wadi Halfa nicht reden. Es ist ein kleiner Ort in der Wüste.

Die Fahrt mit dem Taxi von der Immigration-Halle zum Hotel wird zum ersten Erlebnis. Das Taxi ist ein sehr in die Jahre gekommener LandRover. Er fängt auch nach den ersten Metern an zu stottern und bleibt stehen. Nach erfolglosem Reanimationsversuch steigen alle Männer aus und versuchen den Wagen an zu schieben. Leider klappt es nicht. Ein vorbeikomender Minnibus nimmt alle Fahrgäste auf und bringt uns zum Nile Hotel. Es ist sehr einfach, aber sauber. Mehrbettzimmer mit Sandboden, Holzplanken oder Wellblechwänden und Bucketshower. Diese sogenannte Dusche ist ein Eimer mit Wasser und einem kleinen Becher. Mit dem Becher giesst man über sich das Wasser und duscht sich. Ganz einfach. Das Hotel ist schnell ausgebucht. Das Frachtschiff kommt nämlich erst morgen und auch der Zug nach Khartoum fährt erst morgen abend los.

Nach fünf Minuten ist Wadi Halfa erkundet. Wir setzen uns in ein Restaurant und geniessen ein paar kalte Getränke. Die Hitze macht uns ziemlich zu schaffen. Als wir beim Abendessen sitzen kommt eine Frau zu unserem Tisch und sagt "Guten Appetit". Wir gucken sie verwundert an. Nein – es liegt nicht an der Hitze. Wir haben es wirklich gehört. Es sind Sabine und Jochen. Zwei deutsche, die mit ihrem Buschtaxi (Toyota Landcruiser) auch für ein Jahr im südlichen und Ostafrika unterwegs sind. Sie kommen gerade von unten rauf. Wir unterhalten uns den ganzen Abend und tauschen wertvolle Informationen aus.

17.5.06 Ein Tag in Wadi Halfa und Beginn der Zugfahrt nach Khartoum

Um 8 Uhr morgens treffen wir uns mit unserem Helfer, um die Einreiseformalitäten zu erledigen und das Motorrad zu holen. Die Stempel haben wir schnell in unseren Pässen. Allerdings ist die Einreise ein teures Vergnügen. Pro Person kostet es 6350 Dinar (obwohl wir schon ein Visum haben). Das Motorrad aus dem Zoll zu holen kostet insgesamt 7100 Dinar. 1600 Dinar für den Zoll, 2000 Dinar Steuern, 1000 Dinar Steuern und 2500 Dinar für sonstiges. Ein US$ = 220 Sundanesische Dinar. Somit kostet die Einreise für uns und die Kuh zusammen 19800 Dinar, was 90 US$ entspricht. Nach dem wir unsere Stempel in den Pässen haben, ist erst mal wieder eine Pause angesagt. Das Frachtschiff legt nämlich erst Mittags an. Leider ist es nicht so leicht, das Motorrad vom Schiff zu holen. Der Kapitän weigert sich, ohne jemanden vom Zoll irgend ein Teil der Fracht zu löschen. Als dann endlich ein Zollmensch seinen Segen gegeben hat, kommt das nächste Problem – das Moped selbst vom Schiff zu bekommen. Es sind neben dem Frachter nur zwei Pontons, auf die man nur über windige Planken kommen kann. Wir sehen schon die Kuh und einen Helfer unter sich im Wasser liegen. Aber es gelingt dann doch. Jetzt geht es zum Bahnhof, wo der Zug nach Khartoum schon zum beladen bereit steht. Die Tickets (1. Klasse) für uns kosten jeweils 800 Dinar und die Kuh kostet pro kg 50 Dinar = 12000 Dinar. Und wieder sind wir gute 130 $ ärmer. Das Geld geht hier weg wie warme Semmeln. Als die Kuh endlich verladen ist, sind wir ziemlich kaputt. In dieser Hitze – es hat locker 40° Celsius – ist jede Anstrengung zu viel. Wir machen uns etwas frisch und warten im Restaturant bis es Abend wird und wir uns im Zug auf nach Khartoum machen.

Noch was zum Zug: Erste Klasse ist nicht wie bei uns erste Klasse. Nein. Hier heisst 1. Klasse so viel wie "genauso wie der Rest des Zuges" aber offiziell weniger Sitze. Rita musste im Frauenabteil sitzen. D.h. 6 Frauen und 5 Kinder. Der restliche verbleibende Platz des Abteils wird mit so viel Gepäck wie möglich (Geschirr, Fahrräder, kistenweise Lebensmittel...) voll gestellt. Die Sitze des Zuges fallen total auseinander, der Ventilator läuft nur zeitweise und es ist ein reges Kommen und Gehen angesagt.

18. - 19.5.06 Zugfahrt und Ankunft in Khartoum

Für die gut 1000 km benötigt der Zug sage und schreibe 36 (in Worten: sechsunddreissig) Stunden. Das heisst zwei Nächte und ein Tag im Zug. Wir haben uns für die Zugfahrt entschieden, da wir zu schwer für die Sandstrecke von Wadi Halfa über Dongola nach Khartoum sind. Allerdings ist das Zugfahren hier im Sudan nicht weniger anstrengend. Die Schienen sind wohl noch aus dem vorletzten Jahrhundert. Teilweise glauben wir, dass der Zug trotz der langsamen Fahrt (~30km/h) aus den Schienen springt. Es wackelt die ganze Zeit. Tagsüber ist kein Strom im Zug, so dass der Ventilator nicht läuft. Macht man das Fenster auf, wird man total eingesaubt bzw. der heisse Wüstenwind bläst in’s Abteil. Es ist so heiss, dass wir – obwohl wir körperlich nichts gemacht haben – 10 Liter Flüssigkeit brauchen. In Atbara hat der Zug knapp 2 Stunden Aufenthalt. Wegen der Schaukelei des Zuges hatten wir befürchtet, dass die Kuh evtl. umgekippt war. Ein Blick in den Cargowagon – nichts. Der Wagon war so voll gepackt, dass die Kuh gar nicht sichtbar war. An Umfallen war da nicht zu denken. Die folgende Nacht im Zug war furchtbar. Wir haben beide kein Auge zu gemacht. Das Gerüttel und Gewackel im Zug war so schlimm, dass wir befürchteten, der Zug kippt um. Ausserdem lief der Ventilator die gesamte Nacht nicht. Es war unerträglich heiss.

Pünktlich um 9 Uhr morgens am 19. Mai kam der Zug dann in Khartoum an. Wir haben uns ein Taxi genommen und zum Blue Nile Sailing Club chauffieren lassen. Hier kann man campen. Wir treffen dort Claude. Ein Schweizer. Er ist mit dem Fahrrad unterwegs. Später erfahren wir, dass er von 1994 bis 2001 auf dem Radl die Welt umrundet hat. Ein Buch dazu hat er auch geschrieben: Durchgedreht – 7 Jahre im Sattel. Am Abend fährt ein Italiener mit seinem Drahtesel auf den Campingplatz. Es ist Ciro. Claude und er kennen sich bereits aus Ägypten. Ciro ist für fünf Jahre unterwegs. Und wir dachten, daß das, was wir machen leicht verrückt ist...

20. - 24.5.06 Tage in Khartoum

Mit Hilfe des Taxlers von gestern holen wir die Kuh vom Zug. Gestern war es nicht möglich, da Freitag war. Da stand sie schon ausgeladen. Sie hat die lange und anstrengende Fahrt auch ganz gut überstanden. Spiegel und Griffeinheiten wieder richtig in Position gebracht und auf geht’s zum Campingplatz. Hier kann Chri sie gründlich durchchecken. Der Luftfilterkasten war etwa 1 cm voll mit Sand. Das Ergebnis des Sandsturmes auf der Oasenstrecke in Ägypten.

Der Taxifahrer war ein Beispiel der Nettigkeit und Hilfsbereitschaft der Sudanesen. Er hat geholfen zu übersetzen, gewartet bis wir am Moped alles überprüft hatten und geholfen einen Weg zu finden, wie wir die Kuh vom Bahnsteig bekommen konnten. Rita hat ihm für seine Hilfe ein Trinkgeld angeboten, was er höflich mit den Worten "It was me a pleasure to help you" abgelehnt hat. Hier in Khartoum besorgen wir uns die Visa für Äthiopien. Zu unserer Freude kosten sie statt der erwarteten 63 $ "nur" 20$ pro Person.

Unser Ausflug zu den Tempeln von Naqa verlief leider nicht so wie geplant. Wir sind in Zeitnot gekommen und haben uns für die Rückfahrt entschieden bevor wir in Naqa waren. Ansonsten wären wir in die Dunkelheit gekommen und das wollten wir nicht riskieren. Trotzdem war es ein schöner Tag. Wir sind schön viel Piste gefahren. Obwohl wir drei oder vier Mal umgefallen sind, hat es grossen Spass gemacht. Leider haben wir am nächsten Tag bemerkt, dass wir uns einen Akaziendorn eingefahren hatten und der Vorderreifen Luft verliert. Unser erster selbst reparierter Plattfuss!! Und das auch noch erfolgreich. :-)

25. - 26.5.06 Fahrt zur Äthiopischen Grenze

Die Fahrt raus aus Khartoum bis Gedaref ist nicht so schön. Eintönige Gegend, viel Verkehr. Das ist die Hauptroute nach Port Sudan. Kurz vor Gedaref sehen wir die ersten Vorboten der Regenzeit: schöne, grosse Wolken am Himmel. Nach der Hitze im Sudan finden wir den Gedanken an Regen und etwas Abkühlung richtig toll. Die Piste aus Gedaref war sehr schlecht. Viele Kurven, Gegenverkehr, grosse Steine, tiefe Schlaglöcher und Wellblech. Sie ist aber besser geworden. Neben der Piste wird eine neue Strasse gebaut. Hier ging es flott voran. Sogar knapp 90 km sind frisch geteert. Die letzten 20 km vor der Grenze in Galabat sind wieder sehr schlechte Piste. Hier in Galabat mussten wir einige Zeit auf den Beamten der Security warten. Er war gerade zum Nachmittagsgebet in der Moschee. Aber ohne unsere Daten auf zu nehmen durften wir nicht weiter fahren. Ausreisestempel für uns und das Abstempeln des Carnets geht schön schnell, so dass wir unsere Fahrt nach Äthiopien schnell fortsetzen können.

FAZIT SUDAN

RITA: Vom Land an sich recht eintönig, da meistens Wüste und dazu extrem heiss. Ich hätte nie für möglich gehalten, richtig froh darüber zu sein, einen Helm bei 45° Celsius zu tragen! Und diesen sogar geschlossen zu halten. Aber es war so heiss, dass einen der Fahrtwind innerhalb kürzester Zeit ausgetrocknet hätte. Die Menschen im Sudan sind dagegen eine Wucht. Sehr hilfsbereit (ohne Geld zu verlangen), sehr nett und offen, interessiert und überhaupt nicht lästig. Somit war das Land trotz der Hitze eine Wohltat gegenüber Ägypten! Schade, dass wir nicht durch die angeblich so schöne Wüste von Wadi Halfa nach Süden gefahren sind. Aber eine gute und richtige Entscheidung. Wir hätten es alleine nicht geschafft. Schade auch, dass wir keine Pyramiden und Tempel gesehen haben – aber evtl. kommt man ja einmal wieder?! Und was wir im Sudan und an Menschen gesehen haben und erleben konnten, war nur positiv. Den Leuten (die wir auf unserer Strecke getroffen haben) merkt man keine Angst, keine Schrecken an – alle leben gut und zufrieden. Sicherlich ist es in Darfur und im Südsudan schlimm, aber wir haben nichts davon mitbekommen. Weder von der Stimmung noch von erhöhter Militärpräsenz. Die Strecke, die wir abgefahren sind, ist aufjedenfall sicher! Ich bin froh, daß wir uns entschieden haben, durch dieses Land zu reisen – so konnten wir uns unser eigenes Bild machen.

CHRI: So eine Hitze habe ich noch nie erlebt! Die Menschen sind supernett und der Rest ist halt Wüste. Schade, dass wir Wadi Halfa – Khartoum nicht fahren konnten. Aber wenn ich sehe, was wir ohne körperliche Anstrengung getrunken haben, hätten wir das nie geschafft. Ganz abgesehen von der Sandstrecke und unserem Gewicht.

Nochmal zu den Menschen: sie waren durch die Bank weg nett, hilfsbereit und interessiert an uns, ohne uns auf die Nerven zu gehen (von einzelnen Ausnahmen abgesehen). Dass im Land teilweise Kriege herrscht und viele Menschen leiden bzw. ums Leben kommen, merkt man nirgends im Land. Kein Militär-/Polizeiaufgebot und die Leute ganz normal. Insgesamt ist der Sudan ein interessantes und lohnenswertes Land.



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