Von Geiern und anderen Fluchttieren



Freitag, 30. Juli

Früh morgens stelle ich mich direkt vor dem campement an die Landstraße und kann schon bald in eines der wenigen vorüberfahrenden Autos einsteigen. Die Straße von Kandé nach Mango führt an einem Wildreservat entlang. Außer Antilopen und ein paar bunten Vögeln ist freilich nichts zu bestaunen.

In Dapango komme ich zum Geldwechseln an einer Bank vorbei. Unmittelbar davor ist ein Töpfermarkt, wo ich eine hübsche große Essschale für umgerechnet 35 Pfennig erstehe (ein Geschenk für Mieke).

Dann wieder langes Warten, bis ein taxi brousse nach Ober-Volta startet. Zwischendurch gehe ich etwas essen, als ich wiederkomme ist das Taxi mit meinem Gepäck verschwunden.

Schrecksekunde.

Aber sofort kommt jemand auf mich zu und erklärt mir, dass das Auto gleich wiederkommen werde und lediglich zur örtlichen Zollabfertigung gefahren sei.

So ist es auch. Als es dann erscheint, sitzen vier weitere Europäer darin, zwei von ihnen hatte ich bereits auf der Fahrt von Cotonou nach Lomé kennen gelernt, zwei Franzosen. Die anderen beiden sind Italiener.

Endloses Warten auch an der Grenze zu Ober-Volta, die gar nicht weit von Dapango entfernt liegt. Es wird schon wieder Abend, als wir in Koupela ankommen. Als ich dort in einem Hotel lande und noch ein wenig im Freien sitze und dem abendlichen Treiben um mich herum zuschaue,

Früh morgens stelle ich mich direkt vor dem campement an die Landstraße und kann schon bald in eines der wenigen vorüberfahrenden Autos einsteigen. Die Straße von Kandé nach Mango führt an einem Wildreservat entlang. Außer Antilopen und ein paar bunten Vögeln ist freilich nichts zu bestaunen.

fühle ich mich wieder pudelwohl.

Das Zimmer hat einen festgestampften Lehmboden, es liegt zwei oder drei Stufen tiefer als der schmale Innenhof dieses Hotels. Abgesehen von einer Petroleumlampe auf dem Fensterbrett ist der einzige Einrichtungsgegenstand ein mit Maschendraht überzogenes Metallbett. Die Flamme der Lampe, die ich angezündet habe, erlischt schon nach wenigen Minuten. Als ich den Docht ein Stück weiter nach oben drehe, merke ich, dass das Öl alle ist.

Draußen wird es gerade dunkel, aber ich hoffe kein weiteres Licht zu brauchen, weil ich nach der Fahrt im taxi brousse sehr müde bin und bestimmt gleich die Augen schließen werde.

Das Fenster hat keine Scheibe, nur ein Gitter. Dahinter ist es mittlerweile Nacht geworden. Manchmal leuchtet der Horizont kurz auf, irgendwo in der Ferne ist ein Gewitter. Der Wind pfeift, die Geräusche hören sich an, als balgten sich Katzen rund ums Haus. Die Batterien meiner Taschenlampe sind fast aufgebraucht, sie reichen gerade noch aus, um die Zeit von meiner Armbanduhr ablesen zu können. Es ist halb elf. Das angenehme Gefühl der Müdigkeit ist wieder verschwunden.

Was zunächst wie ein weit entferntes Motorengeräusch geklungen hat, wälzt sich allmählich näher. Bald werden die Blitze einzeln sichtbar und jedes Mal fallen die Gitterstäbe am Fenster als lange Schatten in mein Zimmer. Der Regen treibt den Wind vor sich her und es dauert nicht lange, dann ist er selbst angekommen und man hört sein lautes Prasseln und die gewaltig anschwellende Orgel der Donnerschläge.

Wasser läuft bereits durch die untere Türritze herein und sammelt sich, weil der Boden nicht ganz eben ist, in einer Ecke. Ausgerechnet dort steht mein Rucksack. Ehe er sich voll saugt, schleppe ich ihn zu einer anderen Stelle. Aber viel nützt das nicht, denn schon bildet sich eine zweite Pfütze und nach kaum einer Viertelstunde ist der gesamte Fußboden ein einziger, unausgesetzt von Blitzen gleißender Wasserspiegel.

Ich muss mein Gepäck aufs Bett verfrachten und Letzteres vom Fenster wegschieben, weil die Regentropfen ins Zimmer spritzen. Schließlich wate ich zur Tür.

Als ich sie öffne, schlägt sie mir fast ins Gesicht zurück. Mit Mühe strecke ich meinen Kopf hinaus ins Freie. Draußen sind nur der Regenschleier und die grellen Blitze. Tage später werde ich im nigrischen Agadez auf der Ladefläche eines schweren Lastzugs sitzen, der als einziges Fahrzeug ein wenige Stunden zuvor noch völlig ausgetrocknetes und jetzt mit Wasser gefülltes wadi überqueren kann. Die kleineren Autos scheiterten; Boote gibt es keine in der Wüste.

Ich sitze wieder auf dem Bett und es ist, als säße ich auf einer Bohrinsel im Ozean. Es bleibt mir nichts als abzuwarten, ob das Wasser bis zur Liegefläche steigt.

Blitze zucken im Sekundentakt, der Regen prasselt durch das ungeschützte Fenster. Nach gut einer Stunde ist der Spuk dann offenbar vorbei. Nach einer weiteren beginnt er von vorn.

Aber dieser nächste Schub, der das Wasser im Zimmer noch einmal ansteigen lässt, dauert nur halb so lange wie der erste. Ich bleibe noch eine Weile auf der Lauer liegen, dann schlafe ich ein.

 

… Als ich am nächsten Morgen auf den Hof hinaustrete, hocken auf einer Mauer gegenüber meiner Zimmertür zwei ausgewachsene Geier. Sie blicken mich an wie geprügelte Kreaturen, geduckt und böse. Ich gehe ein paar Schritte durch eine dampfende Wasserpfütze auf sie zu, prompt rücken sie auf ihrer Mauer ein Stück zur Seite. Mit mir, dem lebendig Gebliebenen, wollen sie nichts zu tun haben. Sie warten auf einen, der nicht mehr aufrecht aus der Tür treten kann.

Es ist schwierig einen Wagen zu finden, der in Richtung Niger fährt. Die beiden Franzosen, die Italiener und ich versuchen es per Autostopp, aber es kommt nichts dabei heraus. Ein Buschtaxi bringt uns immerhin in die nächste Stadt.

Es ist augenfällig, dass Ober-Volta noch ärmer ist als die Länder, die ich bislang bereist habe. Die Märkte sind kaum mit Waren bestückt, und man muss schon in eine größere Stadt kommen, um sich mit dem Nötigsten versorgen zu können.

In Fada N’Gourma sind wir nun erneut mit langem Warten geschlagen. Erst gegen Abend findet sich ein Lastwagen, der bis zur Grenzstadt von Niger fährt. Er ist prallvoll mit Säcken, Mango-Kisten und Menschen. In fast jedem Nest hält er an und bleibt endlich ganz stehen, nachdem er sich in der Dunkelheit noch eine Weile über die von tiefen Schlaglöchern aufgerissene Piste gequält hat. Ich schlafe nicht gut auf seiner harten Ladung.

Hinzu kommt, dass ich mich in Gesellschaft der Italiener und Franzosen zunehmend unwohl fühle. Vor allem Letztere, die beiden Franzosen, ignorieren mich fast, zeigen eine alberne Überheblichkeit. Dabei ist es schon umständehalber kaum möglich sich auch nur aus dem Weg zu gehen. Nachdem ich nun freilich merke, dass sie nicht viel mit mir zu tun haben wollen, halte ich, so gut es geht, zu ihnen Abstand.

 

… Die Piste ist durch die Regenfälle der letzten Tage in einem wahrhaft verheerenden Zustand. Erst um die Mittagszeit haben wir den Grenzort auf togoischer Seite erreicht und stehen erneut vor dem Problem einen fahrbaren Untersatz finden zu müssen, der uns dann zur anderen Seite der Grenze durch 30 Kilometer Niemandsland bringt. Auch mit dem Warten auf Zoll- und Passkontrolle vergeht wieder eine Menge Zeit, weil die Grenzwächter eine lange Siesta halten.

Doch da naht plötzlich Rettung. Ein Bus kommt angefahren – oder was noch davon übrig ist. Zu Hause bei uns würde er kaum einen Schrottpreis erzielen, während er hierzulande wohl noch im Tempo einer halben Ewigkeit seine Seele aushauchen darf. Alles hängt halb lose. Egal, er fährt ein Stück durch Niger und auch wenn er unterwegs einen Kollaps erleiden sollte, werde ich wieder ein Stück weitergekommen sein.

Schon beim Anfahren machen klappernde Metallleisten und Ähnliches einen solchen Lärm, dass man (ohne Übertreibung) sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Damit lange nicht genug, denn alle zwei, drei Kilometer bleibt der Bus stehen, weil kleine Reparaturen vorgenommen werden (vermutlich immer die gleichen) und der Wassertank leck ist, so dass jedes Wasserloch eine so zu sagen natürliche Haltestelle bildet. Der alte Kasten schafft es selbstverständlich auch nicht mehr alleine anzufahren, so dass uns nichts übrig bleibt als andauernd auszusteigen, anzuschieben und beim Fahren wieder einzusteigen. Ich glaube fast, wir schieben mehr als wir fahren. Tröstlich ist der Spruch über der Heckscheibe, der uns beim Schieben immer vor Augen ist: Everything by God.

Die anvisierten dreißig Kilometer schaffen wir jedenfalls am heutigen Tag nicht mehr. Irgendwo in der Landschaft ist Schluss.

Ich breite meinen Schlafsack draußen auf dem Steppenboden aus und fühle mich weit besser als am Abend zuvor, weil es mir nun meinerseits gelungen ist, die Anwesenheit der vier anderen einigermaßen zu ignorieren. Sie schlafen zehn Meter weiter.

Der Mond strahlt in dieser Nacht so hell, dass ich mühelos die Zeit von meiner Uhr ablesen kann: Mitternacht.

 

… Man könnte nach längeren und beschwerlichen Busfahrten, die dauernd durch Reparaturen und dergleichen aufgehalten werden, dem Glauben verfallen, dass das entsprechende Gefährt wohl nicht noch einmal zu einer solchen Fahrt starten wird, dass alle nun begriffen haben: Es geht wirklich nicht mehr. Aber natürlich geht’s doch. So stehen am heutigen Morgen der Chauffeur und sein lustiger und ewig geduldiger Gehilfe wieder bereit, um die Reise fortzusetzen. Heißt, wir schieben wieder und dann platzt irgendwann ein Reifen und Wasser muss auch dauernd nachgefüllt werden, aber sonst…

Einmal will eine Schar Frauen und Mädchen zusteigen. Sie haben jede eine große Silbermünze auf der Stirn, die ins Haar eingeflochten ist. Es gelingt mir aber nicht zu erfahren, welchem Stamm sie angehören, denn sie können sich mit dem Busfahrer nicht über den Preis einig werden und so geht es ohne ihre sicher lustige Gesellschaft wieder weiter.

Es ist High Noon, als unser Bus Niamey erreicht und sich damit erst einmal ein Kreis für mich schließt.

Die drei Tage an der Straße waren anstrengend langweilig und ich bin des vielen Fahrens ein wenig müde geworden. Der Gedanke daran, die Wüste bald ein zweites Mal zu durchqueren, erfüllt mich im Augenblick nicht mit Lust. Ich fasse so halb den Entschluss die ursprüngliche Absicht nach Algier zu fliegen trotz des Preises umzusetzen. Aber ehe ich etwas in diese Richtung unternehme, gehe ich essen – in einer Air-conditioned-Bar. Das Flugbüro öffnet in einer Stunde und ich meine plötzlich schnell handeln zu müssen, um nicht möglicherweise am Ende wegen ein paar Minuten meine Maschine zu verpassen. Ich lasse mich also – von der Busfahrt noch immer ziemlich verdreckt – zum Flughafen kutschieren und kann mit den noch übrig gebliebenen CFAs – der Bustrip war über die Maßen teuer – nicht mal mehr das Taxi in voller Höhe bezahlen, hoffe aber auf dem Flughafen eine Geldtauschmöglichkeit zu finden.

Die Bank ist aber geschlossen und niemand weiß genau, wann sie wieder öffnen wird. Verkaufsschalter für Flugtickets gibt es nicht. Ich bringe jedoch in Erfahrung, dass die Maschine nach Algier schon in den frühen Morgenstunden gestartet ist. Die nächste soll zwei Tage später gehen.

Nun gut, bleibt mir dennoch nichts anderes übrig, als hier herumzusitzen und darauf zu warten, dass der verflixte Geldwechselschalter irgendwann öffnet. Den Gefallen tut er mir jedoch nicht. Er öffnet (eigentlich gängige Praxis) nur dann, wenn größere internationale Maschinen eintreffen. Ein Taxifahrer spricht mich an und für 3 USD überlasse ich mich ihm gewissermaßen willenlos. So habe ich unterm Strich 2.000 CFA Taxikosten verbraucht ohne das geringste Ergebnis erzielt zu haben.

Bei der Bank angekommen, will man mich gar nicht mehr einlassen, die Geschäftszeit ist bereits um eine ganze Stunde überschritten. Ich stelle alles in Abrede, deute auf meine Uhr (die ich allerdings noch nicht wieder vorgestellt habe) und drängle mich an allen leisen Protesten vorbei zum Schalter. Der Mann dahinter ist barmherzig und nimmt sich meiner Dollars ohne Weiteres an.

Endlich kann ich meine inzwischen völlig ausgetrocknete Kehle netzen, danach nehme ich ein Taxi zum Campingplatz, der etwas außerhalb der Stadt angesiedelt ist.

Dort treffe ich auf eine Gruppe von Deutschen und Österreichern. Sie laden mich zum Tee und später auch zum Essen ein. Ich kehre peu à peu wieder ins zivilisierte Leben zurück, habe ein schönes Duschbad und befreie mich vom roten Sand und dem ewig rinnenden Schweiß.

Vier Wagen sind es, die sich hier auf dem Campingplatz zu einer fröhlichen Runde zusammengefunden haben. Zwei von ihnen sind Teil eines Touristentransports, der von Hans und Axel organisiert worden ist. Sie hatten Mitglieder der Berliner Schaubühne durch die Sahara kutschiert (auch Elke Petri, die ich gut kenne, war dabei gewesen!) Wir kommen rasch darüber ins Gespräch, in dessen Verlauf ich noch eine Menge Details über Land und Leute im nördlichen und westlichen Afrika erfahre.

Der Gedanke an einen vorzeitigen Rückflug gehört schon wieder der Vergangenheit an. Nach der seltsamen Erfahrung mit der Vierer-Bande in Ober-Volta (die sich übrigens auch auf dem Campingplatz aufhält) war es genau, was ich gebraucht habe: anregende Gespräche am Lagerfeuer. Trotzdem werde ich in dieser Nacht von (mindestens) einem Floh aufgefressen.

 

… Ein recht stiller und (deshalb) erholsamer Tag auf dem Campingplatz.

Mike, ein Schwarzer, erzählt mir seine Geschichte: Hans und Axel haben ihn irgendwo in Mali aufgenommen, nachdem er auf dem Weg nach Norden von einem arabischen Fahrer mitten in der Wüste ausgesetzt worden war und eine regelrechte Odyssee hatte hinter sich bringen müssen. Bei der Fahrt mit den Schaubühnenleuten fungierte er dann als Mädchen für alles und alle zeigten sich mit cadeaux erkenntlich, schenkten ihm am Schluss sogar noch Teile ihrer Ausrüstung. Mike, der ursprünglich zu seinem Bruder nach Libyen fahren wollte und hoffte dort eine Arbeit zu finden, kehrt nun doch nicht ganz mittellos zurück. Zum Schluss, erzählt er, konnte er Axel, als der grade klamm war, sogar ein paar CFAs leihen.

Heute ist Nationalfeiertag und jeder Bürger Nigers ist angehalten an diesem Tag einen Baum zu pflanzen. Viele kleine Bäumchen, noch in Töpfen, stehen am Straßenrand. (Vielfach sind es Mangobäume, eine Frucht, die in Niger von einer fantastischen Qualität und eine meiner Leibspeisen geworden ist; leider gibt es eine Art Überproduktion und es wäre sicher sinnvoller andere Bäume zu pflanzen.) Wir hoffen auf eine Festveranstaltung in der Stadt, werden aber – liegt’s am Wetter? – diesbezüglich enttäuscht.

Spät abends fliegt Hans zurück nach Deutschland, wir begleiten ihn zum Flughafen. Ich beneide ihn nicht darum, aber fliege im Geist doch ein wenig mit.

Doch jetzt bin ich noch in Afrika und ich bin gerne hier. Bestimmt werde ich auch bald einmal wiederkommen. Das Tempo dieser Reise war freilich zu groß, aber das Immer-in-Bewegung-Sein, das On-the-road-Gefühl bestimmt oft den Takt. Ich bin ein Fluchttier.

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