Sahara - Sahel - Sklavenküste. Ein Reisebericht von 1982.



Sahara - Sahel - Sklavenküste. Ein Bericht von 1982.

Dieser Reisebericht wurde freundlicherweise von Dr. Peter Kiefer zu Verfügung gestellt.

 

Ein winziger Löwe und ein grosser Hadschi

Sonntag, 4. Juli

Auf dem Flughafen Schönefeld fehlt mir das Münzgeld für die Toilette, ich muss einen Zehnmarkschein wechseln und mache dazu der männlichen Klofrau gegenüber eine ärgerliche Bemerkung (denn was soll ich auf der Reise mit dem ganzen DDR-Kleingeld?). Die Reaktion ist Empörung. Für jemand, der ins Ausland reist (im Sinne von: sich das leisten kann, aus dem Westen kommt), dürften zehn Mark wohl keine Rolle spielen. Was soll ich schon machen? Das Klopapier mit dem Drahtbürsteneffekt ersetze ich aber durch eigenen Vorrat.

An Bord der nicht mehr taufrischen Iljuschin sitzen vor allem Techniker mit ihren Familien, außerdem algerische Folkloristen. Die Sicht ist gut, ansonsten Langeweile.

Die Bordtoilette – nochmal dieses Thema, ich sitze leider ganz in der Nähe – liegt in Höhe des Propellers. Dessen bohrendes Geräusch und der Geruch des verwendeten Desinfektionsmittels machen die Illusion, man sei bei einem Zahnarzt, beinahe perfekt.

Kaufe (zollfrei) eine Flasche Johnny Walker Red Label und hoffe sie in der algerischen Wüste mit Gewinn wiederzuverkaufen. (Der Reiseführer Africa on the cheap hat mir diese Idee eingegeben; ich traue mich freilich nur an die kleine Flasche heran.)

Dann Algier. Hitze, Staub und eine von Palmen gesäumte, mit angeflogenem Papier- und Plastikmüll übersäte Straße, auf der ich in einem Bus zur Stadt fahre. Bald darauf das Meer, eine lange Promenade, von der aus man auf den Hafen blickt. Nach anfänglichen Eindrücken scheint mir Algier keine mit ihrem Hafen organisch verbundene Stadt zu sein, aber alles Atmosphärische wird im Augenblick durch den Fastenmonat Ramadan blockiert.

Koloniale Architektur. Weiß leuchtende Stuckfassaden sind selbst in den engen Sträßchen der Altstadt zu finden. Das Alltagsleben scheint keine Notiz davon zu nehmen: Kutten, Eselkarren, Melonenberge. Auf einer Hauswand aufgemalt steht: "2:1". Es könnte ein Victory-Zeichen sein und macht aufmerksam auf den Sieg der algerischen Fußballnationalmannschaft bei der laufenden Weltmeisterschaft gegen Deutschland.

Ich werde von einem Deutsch sprechenden Jungen zum Abendessen ins Haus seiner Eltern eingeladen. Er brennt darauf das Land zu besuchen, dort zu studieren und zu arbeiten. Besagtes Haus, zu dem er mich führt, liegt an einem dunklen Stufengässchen in der Kasbah. Es riecht nicht eben angenehm und in dem engen Treppenhaus gibt es kein Licht. Oben empfangen mich zwei bunt gekleidete Frauen und überbieten sich an Freundlichkeiten. Mit dem Auftragen des Essens warten sie noch. Erst als gegen acht Uhr in Radio und Fernsehen Koransuren gesendet werden, wird das Fasten gebrochen, dann erwacht die Stadt wieder zum Leben.

Serviert wird eine kräftige Fleischbrühe, dazu gibt es mit Chili gewürzte Kartoffeln. Anschließend süßes Gebäck und frische Feigen. Zum Glück kann ich mich mit einem Päckchen Pralinen revanchieren, das zuvor im Flugzeug verteilt worden war.

Die Familie lauscht angestrengt dem Gespräch, das ich mit ihrem Sohn führe (obwohl sie davon kein Wort versteht). Soweit ich es mitkriege, ist der Vater beim Militär beschäftigt. Er hat einen Prospekt hervorgekramt, der eine in Deutschland hergestellte Maschine zeigt (ihr Zweck bleibt mir bis zuletzt unklar). Er will vor allem darauf hinweisen, dass das Land, aus dem ich komme, ein Hort moderner Technik sei. Sein Sohn glaubt, es sei auch ein sozialer Hort. Ich versuche seine Vorstellungen ein wenig herunterzuschrauben, kann ihn aber nicht beirren (und bin mir nicht sicher, ob er zwischen West- und Ostdeutschland richtig unterscheiden kann).

Mit ihm und seinem Freund mache ich anschließend noch einen Bummel durch eine schier endlose Prachtstraße und bin der Lichter, des Trubels und der Farben wegen durchaus beeindruckt.

Ich schlafe in dieser Nacht in einem Badehaus, einem Hammam, das auch einen Herbergsbetrieb unterhält. Mein Bett steht in einem kleinen Schlafsaal, der sich nach zwei Uhr in der Nacht noch immer mit Gästen füllt, die bis jetzt mit Ramadanfeiern beschäftigt waren. Der Manager holt mich plötzlich aus dem Schlaf. Er will unbedingt meine Francs gegen seine (algerischen) Dinar eintauschen. Mir ist seine Zudringlichkeit ein bisschen unheimlich und ich bleibe noch für eine Weile wach liegen.

 

Ich hatte ursprünglich vor am heutigen Tag zur Mali-Botschaft zu gehen, die aber wie alle öffentlichen Einrichtungen wegen des algerischen Nationalfeiertags geschlossen ist, und muss nun einen weiteren Tag in der Stadt einplanen.

Meine Erfahrungen mit dem Ramadan sind neu und ich stelle zum ersten Mal fest, wie schwierig es beispielsweise ist, ein Café zu finden, um den ersten Durst des Tages zu löschen. Als ich dann eines gefunden habe, treffe ich dort ein schweizerisch-deutsches Ehepaar wieder, dem ich schon im Flugzeug begegnet war. Wir kommen miteinander ins Gespräch – beide sind auf ihrer Hochzeitsreise – und verabreden uns für den Nachmittag zum Baden.

In einem hoffnungslos überfüllten Bus fahren Anke, Christian und ich dann aus der Stadt hinaus. Nach etwa zwanzig Kilometern gelangen wir an einen hässlichen, schmutzigen Strand, dem wir gleich wieder den Rücken kehren. Mit einem zweiten Bus fahren wir ein Stück weiter, jetzt haben wir Glück. Das Meer ist blau, so blau! und das Wasser hat (trotz Mittelmeer) eine kühle, erfrischende Temperatur. Ich laufe in die ankommenden Wellen und habe Glücksgefühle. Der Fahrer eines Lieferwagens nimmt uns drei mit zurück in die Stadt. Am Abend treffen wir ihn zufällig wieder und er lädt uns zu einer Limonade ein.

Aus dem Hammam war ich zuvor ausgezogen und Anke und Christian in deren Hotel gefolgt. Es liegt am Place des martyrs, und um es von außen identifizieren zu können, präge ich mir den arabischen Schriftzug für "Hotel" ein. Es kommt zu einem kleinen Eklat mit dem Manager, weil ich mich anfänglich weigere ihm meinen Reisepass zu überlassen. Als er droht mich rauszuwerfen, lenke ich ein. Kurz darauf komme ich wieder zur Rezeption und er gibt mir meinen Pass zurück. Much ado about nothing.

Habe ein bescheidenes Einzelzimmer. Draußen noch lange der Straßenlärm einer mildheißen Ramadannacht.

 

… Ein langweiliger und etwas mühevoller Tag beginnt. Zunächst eine längere Busfahrt zur Botschaft von Mali. Von dort hat man immerhin eine wunderschöne Aussicht auf die Bucht von Algier. Die Gebühr für ein Visum beträgt 150 DA, 70 Mark sind das! Zu viel für mich. Ich verzichte auf Mali und muss mir etwas anderes ausdenken.

Zurück in der Stadt laufe ich erneut Anke und Christian über den Weg. Wir gehen zum gemeinsamen Hotel zurück, um rechtzeitig zur Mittagszeit auschecken zu können. Anschließend besorge ich dann ein Ticket für den Nachtbus nach Ghardaïa, heißt: Ich steuere nun statt Mali die Republik Niger an. (Sie ist für Deutsche visumfrei.)

Die Zeit bis zur Abfahrt vertreibe ich mir mit einem ausgedehnten Spaziergang durch die Kasbah. Bei einem Tuchhändler besorge ich mir ein Wickeltuch für den Kopf. Wie lang müsste es denn sein? frage ich. Vier Meter, sagt der Verkäufer. Ich finde: Zwei reichen auch (und werde mich gründlich geirrt haben).

Der Ramadan steht allem im Wege: Die meisten der sonst üblichen Straßenaktivitäten liegen lahm, erst recht das, was nach Essen und Trinken aussieht. Als ich doch einmal ein Restaurant entdecke, das geöffnet hat, ist eine kleine Mahlzeit dermaßen teuer, dass ich weitergehe.

Zur abendlichen Stunde beginnt das neuerliche Erwachen. Ich sitze draußen am Tisch eines Restaurants und bin umgeben von lauter nervösen und hungrigen Männern, die nur auf das Signal warten, endlich mit dem Essen beginnen zu können. Jemand meint sich für mich einsetzen zu müssen und beauftragt einen Kellner mir das Essen noch vor dem allgemeinen Start zu servieren. Es kommt, ich fange zu essen an, bin fertig damit, noch ehe die andern angefangen haben, und erlebe, wie blöde so eine Solotour ist und mit wie viel mehr Appetit ich gegessen hätte, wenn ich nur eine Viertelstunde länger gewartet hätte.

Dann der Start in die Wüste. Im Bus sitzen auch drei Österreicher, sie kommen aus Tirol, aus dem Dorf Kramsach, demselben, das ich zu Zeiten mit meiner Mutter oder meiner Oma zusammen zu vierzehntägigen Aufenthalten besucht hatte. Ich kann ihnen die Namen der dortigen Gasthäuser noch nennen.

Trotz der nächtlichen Fahrt sind erste Eindrücke von der Landschaft möglich (wenn auch nur Hügelsilhouetten), es ist Vollmond.

 

… Frühmorgens Ankunft in Ghardaïa. Anke, Christian und ich beziehen ein Dreibettzimmer im Hotel Tausend und eine Nacht.

Die Oase, ehemals Stammsitz der Mzabiten, gruppiert sich um einen Hügel, auf dessen Spitze ein Minarettturm aufragt. Man erreicht ihn über von Lauben beschirmte Gässchen. Zuletzt wird man von einem Schild angehalten. Es besagt, dass der Zutritt an Freitagen und am Ramadan nur mit einem Führer gestattet sei. So einer lässt sich im Augenblick allerdings nicht auftreiben.

Der geräumige Marktplatz ist ganz "Orient". Bei näherem Hinsehen wird seine Farbigkeit aber neben den zum Verkauf aufgehängten Teppichen merklich durch das Angebot an Plastikwaren unterstützt, die sich zwischen Melonen und Datteln türmen. Um die Mittagszeit ist die Stadt dann ausgestorben, jeder verkriecht sich hinter die Lehmmauern seines Hauses, der Orient hütet wieder seine Geheimnisse.

Der Hunger ist der Hitze gewichen, die Mahlzeiten sind ohnehin bescheiden, dafür ist alles, zumal Getränke, recht teuer. Man muss aber viel trinken und hat man einmal damit angefangen, scheint es kein Ende mehr nehmen zu wollen.

Wir beschließen auf der Terrasse zu schlafen. Dort wird noch Musik gemacht, wird Flöte gespielt, Banjo, Laute und eine Tontrommel. Und natürlich wird man zum Tee eingeladen.

Erst gegen drei strahlt nur noch der volle Mond, und er ist so hell, dass keine Sterne mehr zu sehen sind. Um vier ruft der Muezzin schon wieder zum Frühgebet, in Zeiten des Ramadan heißt das: frühstücken. Sein Ruf ist freilich mit einem Schönheitsfehler behaftet. Eine alte Vinylplatte, die abgenudelt wird, hat einen Sprung und wiederholt sich an einer bestimmten Stelle in einer Endlosschleife. Es ist schon wieder hell, ehe jemand reagiert und den Plattenspieler abstellt.

 

… Wir fragen an, ob wir im Pool des größten Hotels der Stadt ein Bad nehmen können. Aber man lässt uns nicht. Ein Missionar begegnet uns dort, offenbar gehört er zu den pères blancs, den Weißen Vätern, die sich speziell über Nordafrika ausgebreitet haben. Salut, sagt er nur kurz, als wir ihn ansprechen, je suis le missionaire. Und schon ist er in der Wandelhalle dieses Hotels verschwunden, nachdem er gerade aus einer breiten Limousine ausgestiegen war.

Wir hätten Lust in einen nahe gelegenen Palmengarten zu fahren, um dort der Mittagshitze aus dem Weg zu gehen. Als wir unseren Hotelier nach einer Möglichkeit fragen, sieht er sich veranlasst uns im Auto in seinen eigenen Garten zu kutschieren. Dort legen wir uns unter eine riesige Dattelpalme, vertreiben uns den Nachmittag mit Lesen und Erzählen, beobachten Kröten, die sich schattige Mauerlöcher suchen, und spielen – so kann man es wohl nennen – mit einem kleinen Ameisenlöwen, der trichterförmige Löcher in den trockenen Sand bohrt, darauf wartet, dass eine Ameise in einem solchen Loch hängen bleibt und der nachrollenden Sandkörner wegen nicht mehr den oberen Rand erklimmen kann. Ist sie dann an die Spitze des Trichters abgerutscht, fährt dieses Tierchen mit dem imponierenden Namen, das freilich nicht größer als ein kleiner Käfer ist, von unten herauf seine Zange aus und greift sich die Ameise. Dieses Mal ist es jedoch ein Grashalm, mit dem wir es ein ums andere Mal verführen. Eine Ameise kommt zum Schluss aber auch.

Am Abend – wieder für viel Geld – ein bescheidenes Mahl, darauf die Abfahrt mit einem Bus nach In Salah. Auch die Österreicher sind wieder mit von der Partie.

 

… In Salah am frühen Morgen. Andy, einer der Österreicher, und ich versuchen einen Lkw zu finden, der uns nach Tamanrasset mitnimmt. Das misslingt, und ehe nun dieser laut einer Statistik zweitheißeste Fleck der Erde seinen mittäglichen Siedepunkt erreicht, flüchten wir uns auf eine Art Campingplatz. Anke und Christian sind ebenfalls dort gelandet.

Ein Gang noch zu dem kleinen ringsum von flachen Häusern umgebenen Marktplatz. Es ist nicht viel los dort, dennoch beeindrucken mich die schmalen, sehr dunkelhäutigen Tuaregfrauen mit ihrem üppigen Leder- und Metallschmuck. Männliche Tuaregs, in Ghardaïa noch wenig zu sehen, sind im Gegensatz zu ihren Frauen tief verschleiert. Ihr Turban, um Kopf und Hals geschlungen, lässt lediglich einen Schlitz um die Augen frei.

Einen von ihnen sprechen wir auf der Straße an. Er hat ein Restaurant, in dem er uns, soweit sein Gefrierschrank es packt, eiskalte Dosen mit Grapefruitsaft serviert. Jeder kennt ihn nur unter dem Namen El Hadschi. Er ist ein schöner und stattlicher Mann, und es stimmt sicher, wenn er behauptet, dass er mehrfach in Süd- und Mitteleuropa gewesen sei. Denn erstens nennt er ohne zu stocken die Namen von rund einem Dutzend deutscher Städte, großen und kleinen, und zweitens ist sein Adressbuch randvoll mit Adressen von Frauen, denen er dort (oder auch hier bei sich zu Hause) begegnet ist. Andy schreibt bei dieser Gelegenheit zwei Postkarten für ihn auf Deutsch. El Hadschi meint, wir könnten jederzeit kommen, wenn wir was essen wollten.

Tun wir auch. Was uns dann beschert wird, ist ein Salat aus Gurken und Tomaten, etwas aus Holland importierter Käse ist beigemischt. Wir trinken wieder Grapefruitsaft. Alles zusammen kostet pro Nase 25 DA. Die Wüste hat ihren Preis.

Anschließend verweilen wir noch ein wenig unter El Hadschis Klimaanlage. Aber diese Art Erfrischung hält sich in Grenzen, die Hitze ist einfach allmächtig.

Ich habe überhaupt den Eindruck, dass ich hier in In Salah den heißesten Tag meines Lebens verbringe (ohne es messen zu können). Der Sand glüht, man könnte eine Pfanne aufsetzen und Spiegeleier darin braten. Die Oase ist eine auf Zeit, gezwungen, die Wanderung der Dünen nachzuvollziehen, denn sie wird von einer Seite her vom Sand zugeweht und muss den dabei entstehenden Verlust an Lehmhäusern auf der anderen Seite wieder durch neue Häuser ausgleichen.

Hans und Herbert, die beiden anderen Österreicher, kriegen so etwas wie einen Hitzekoller. Wir haben uns auf dem besagten Campingplatz in eins der zahlreichen Häuschen gekauert, die sich um einen arenaartigen Innenhof gruppieren, als sie aufstehen und loswandern. Einfach so. Damit sie nicht in ihr Verderben laufen, eilen wir hinterher und bringen sie wieder zurück. Ansonsten sind wir nicht einmal zu Gesprächen fähig.

Gegen Abend rühren die Österreicher ein Müsli an, dann sitzen alle beisammen und feiern ein wenig Abschied. Hans und Herbert werden am folgenden Tag aus zeitlichen Gründen wieder die Rückreise antreten. Wir anderen vier werden mit einem speziellen Pistenbus nach Tamanrasset weiterfahren.

 

… Vier Uhr in der Frühe geht’s los. Die Fahrt ist landschaftlich von einigem Reiz. Man sieht steinige Hügelketten, schwarze, wie riesige Monolithe erscheinende Berge. Die Ebene ist noch dünn mit Bäumen und Sträuchern bewachsen, vereinzelt Kamele, einmal eine Gazelle.

Die Straße ist zwar geteert, aber dermaßen mit Schlaglöchern übersät, dass der Fahrer häufig auf die parallel laufende Sandpiste ausweicht. Die Stoßdämpfer sind so gut wie nicht mehr funktionstüchtig, dauernd werden wir in die Höhe gewirbelt und machen uns einen Spaß daraus, indem wir einen Summton anstimmen und die unebene Piste einen Rhythmus formen lassen. Bald ist es aber nicht mehr lustig und tut nur noch weh.

Ein Schwarzer, der vor mir im Bus sitzt, hat auf dem Boden einen Kugelschreiber gefunden. Davon ist er so begeistert, dass er seinen ganzen Sitz voll schreibt, und als sich darauf keine freie Stelle mehr findet, macht er mit dem Fenstervorhang weiter, schreibt unentwegt und mit nicht nachlassender Begeisterung und ist schon dabei auch die Nachbarsitze in Angriff zu nehmen.

In Tamarasset ist wieder ein Campingplatz das Ziel und wieder ist es eine Nacht unter freiem Wüstenhimmel, der heute aber ziemlich bewölkt ist. Die Suche nach einem Lastwagen, der uns nach Niger bringen könnte, war zuvor ergebnislos geblieben.

 

… Abschied von Anke und Christian, die nun ins Ahaggar-Gebirge weiterfahren werden. Andy und ich trotten zur örtlichen Polizeistation, um uns einen Ausreisestempel zu besorgen. Dann wieder die Suche nach einer Mitfahrgelegenheit in Richtung Niger.

Dazu schleppen wir unsere Rucksäcke zur Zollstation, die etwas außerhalb der Stadt liegt. Dort schart sich eine Menge Pkws und Lkws. Erstere werden meist von Europäern (überwiegend Franzosen) gefahren, die sie im Heimatland gekauft haben und nun durch die Wüste an die westafrikanische Küste bringen, um sie dort wieder zu verkaufen. Unter den Lastwagen steht heute nur ein einziger größerer; dessen Fahrer sprechen wir an. Er sagt, er kann uns nach Tahoua in Niger mitnehmen, will aber 400 FF. In diesen sauren Apfel müssen wir leider beißen, denn auch für Wüstendurchquerungen dieser Art gibt es quasi feste Tarife.

Unser Lkw ist ein riesiges Ding, ein veritabler Lastzug, der voll beladen ist mit Dattelsäcken. Auf denen machen wir’s uns am hinteren Ende irgendwie bequem. Zwei nigrische Händler sind ebenfalls an Bord. Weiter vorn auf der Ladefläche bzw. im Fond des Wagens hält sich die Mannschaft auf: ein Junge namens Mohammed, der ständig gerufen wird, dies oder jenes zu tun, zu bringen, zu richten; ein baumlanger Schwarzer, Dogo genannt, der Lange, der die Kraft besitzt Lkw-Reifen zu stemmen; zwei weitere Gehilfen, deren Namen ich dauernd vergesse; schließlich der Fahrer, der ein wenig Englisch spricht, recht umgänglich ist und unter seinen Leuten eine vollkommene Autorität genießt, nicht zuletzt weil er der einzige ist, der am Steuer sitzen darf und dem jede denkbare Entlastung zukommen soll.

Ich habe zum ersten Mal das Gefühl die Wüste zu erleben (und nicht nur nächtliche Busfahrten oder Ähnliches zu machen). Dieser Lastwagen ist wie ein Schiff, das über ein Meer aus Sand segelt. Manchmal kommt der Wunsch auf, den Sand durch die Hände rieseln zu lassen, wie man ähnlich seine Hand aus einem Boot während der Fahrt ins Wasser streckt.

Die erste Rast, die wir machen, findet unter einem großen schattigen Baum statt. Etwas Holz, das auf dem Wagen mitgeführt wird und auf einem Stück Blech liegt, übergießt man mit Benzin, zündet es an und kocht darauf Ziegenfleisch und Nudeln. Andy und ich erhalten eine Schüssel, die anderen essen alle aus einem Topf. Vor jeder Mahlzeit reicht Mohammed seine kleine Portion mit Fleischstückchen in die Runde. Jeder nimmt sich ein symbolisches Häppchen und bestätigt damit den Zusammenhalt der Reisenden.

Wasser scheint genug vorhanden. Ich habe vor Antritt der Fahrt überdies meinen 20-Liter-Kanister gefüllt und zapfe bei Bedarf (und der ist nicht gering) etwas in meine Wasserflasche ab. Sie ist mit einem Filzmantel überzogen und ihr Inhalt kühlt ab, solange der Mantel feucht und sonnenbeschienen ist. Die Lkw-Crew erzeugt diesen Effekt mittels eines Ziegenbalgs, der porös ist und in dessen Fell das austretende Wasser aufgefangen wird.

Der algerischen Grenze sehe ich mit einem flauem Gefühl entgegen. Wenn man nämlich in das Land einreist, muss man sein ganzes Geld deklarieren (wie das auch in vielen anderen Staaten mit schwacher Währung der Fall ist) und ich war blöde genug dies zu tun. Wechselt man nun auf einer Bank (statt auf dem Schwarzmarkt), wird ein entsprechender Vermerk in die Zollerklärung geschrieben. Bei der Ausreise wird zusammengezählt und die getauschten Summen vom ursprünglich Angegebenen abgezogen. Die 400 französischen Franc, die ich zur Bezahlung des Lkw-Fahrers aufwenden musste, sind aber nicht auf einer Bank, sondern unter der Hand getauscht worden. Ich bin gespannt, was folgt, wie rigide man verfahren wird (oder, was ich natürlich inständig hoffe, nicht).

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Remo Nemitz