Rollende Augen lahmende Kutschen
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Mittwoch, 4. August
On the road again. Zuerst ein Gang zur Botschaft, wo ich mir eine Bescheinigung geben lasse, dass ich (formal) noch Student bin. In Algerien wird mich dies vom Zwangsumtausch befreien. Die Sache zieht sich in die Länge und ich nutze die Zeit und fahre zwischendurch zum Polizeirevier, um mir den Ausreisestempel für Niamey zu holen – eine mehr als überflüssige Übung.
Ich habe mich nun entschlossen statt nach Gao in Mali nach Agadez zu fahren, weil es jetzt in der Regenzeit auf der Mali-Route schwierig werden könnte überhaupt einen fahrbaren Untersatz zu finden oder gar einen bestimmten Zeitplan einzuhalten. Ich nehme also zunächst denselben Weg wie auf der Hinfahrt.
Damals hatte ich mich mit dem vom Dach des Busses tropfenden Öl bekleckert, die Spuren sind nicht mehr zu tilgen. Jetzt sitze ich in einem Bus, der dem Horrorvehikel von damals aufs Haar gleicht, nur dass ihm noch mehr Fensterscheiben fehlen. Und es geht los wie gehabt: Erst einmal fünf Stunden warten, dann – oh Wunder! – schafft er es ganz aus eigener Kraft zu starten. Laufend gibt’s kleine Aufenthalte und dann passiert etwas Seltsames.
Der Bus hält nämlich nach Einbruch der Dunkelheit bei einem Nachtmarkt neben der Autostraße an. Man sieht ihn kaum, diesen Markt, man sieht nur einige flackernde Funzeln. Bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass es sich dabei meist um kleine Öllämpchen handelt, zurechtgebogen aus dem Blech von Cola- oder Fischdosen. Sie stehen auf schmalen Tischen oder auch nur auf Tüchern, die auf dem Boden ausgebreitet sind. Und nicht einmal von diesen einfachen Lämpchen gibt es sonderlich viele. Man muss die Wege hier schon kennen, wenn man etwas kaufen möchte, zumindest braucht man gute Augen.
Die Scheinwerfer des Busses schaffen eine trügerische Situation: Sie tauchen den halben Markt in weißes Licht. Für ein paar Augenblicke hat er keine Geheimnisse mehr und wird wieder zum Tagesgeschäft. Als gleich darauf aber nur noch das schwache Licht im Inneren des Busses brennen bleibt, spürt man, wie rasch man dieser Helligkeit anhängt und wie beklemmend es sein kann, wenn plötzlich wieder alles im Dunkeln liegt.
Ich steige mit den anderen Fahrgästen aus und vertrete mir ein wenig die Beine. Ein Mädchen trägt eine große Emailschale auf dem Kopf, in der sich eine erstaunliche Menge von Eiern zu einer Pyramide auftürmt, sie kommt mir direkt entgegen. Mechanisch will ich ihr ausweichen, aber egal ob ich einen Schritt nach links oder rechts mache, sie folgt mir wie eine Tanzpartnerin; immer aufs Neue steht sie vor mir. Ich versuche ihr klar zu machen, dass ich nichts brauche, keine Eier, nichts. Sie sagt etwas, das ich nicht verstehe, dabei jongliert sie mit manchmal steil nach oben gerichteten Pupillen die Schale auf ihrem Kopf.
Sie kann achtzehn sein oder sechzehn, jedenfalls ist sie groß gewachsen, um einiges größer als ich. Neben ihr ist inzwischen eine Freundin aufgetaucht, mit der sie ein paar Worte wechselt. Sie bewegen sich nun gemeinsam auf mich zu. Was haben sie vor?
Ich weiche zurück, aber sie halten immer denselben Abstand zu mir. Ich lächle schief und ein bisschen genervt und so nähern wir uns dem parkenden Bus. Aus seinem Auspuff kommen schwarze Wolken, die in der Dunkelheit grau aussehen.
Das groß gewachsene Mädchen hat angefangen mit den Augen zu rollen, eigens für mich. Einen Moment lang erscheint mir dieses Augenrollen wie eine Karikatur auf die Angst vorm schwarzen Mann. Möglich, dass auch das Mädchen so denkt, dass sie ausprobieren möchte, ob ihr gespielt dämonischer Gesichtsausdruck bei mir seine Wirkung tut. Ich verkneife mir ein blödes Grinsen, weil ich sie nicht beleidigen will. Sie ergreift mein Handgelenk.
Ihre geschmeidigen Finger scheinen lang genug, um es doppelt umfassen zu können. Ich versuche mich loszumachen, aber meinem Versuch fehlt der nötige Ernst.
Mittlerweile stehe ich bereits mit dem Rücken zur Kofferraumklappe des Busses und die Freundin macht sich jetzt ungeniert an meinen Haaren zu schaffen und zupft daran herum. Glattes Haar im afrikanischen Busch. Auch Kinder machen gelegentlich solche Versuche, sie wollen wissen, wie so ein Stoff sich anfühlt. Das Mädchen mit den Eiern ist dagegen an meiner blassen Haut interessiert und streicht mir prüfend über Gesicht und Arme. Es ist, als würde ich auf einem Sklavenmarkt begutachtet. Mein Protest fällt einigermaßen lahm aus, gegen die geballte Macht der Eierpyramide auf dem Kopf des Mädchens habe ich nicht die geringste Chance. Würde ich mich tatsächlich wehren und würde dabei alles zu Boden kullern, fiele der ganze Markt über mich her.
Wir sind nicht unbemerkt geblieben. Ein Mann mit Brille und Stoffkappe mischt sich ein, er schimpft mit den beiden. Die Mädchen schimpfen zurück, so ohne Weiteres wollen sie ihre Beute nicht aufgeben. Aber dem mit der Brille, ebenfalls einem Fahrgast, gelingt es schließlich doch die Hand, die mein Gelenk umfasst, wegzureißen. Zu allem Überfluss glaubt der Mann mich jetzt beruhigen zu müssen. Dabei beschwichtige ich ihn, aber es hat keinen Sinn ihm zu erklären, dass ich nicht seinem muselmanischen Saubermanneifer gehöre, sondern, wenn schon, den Mädchen.
Meinem Retter bin ich jedoch ebenso wenig gewachsen wie zuvor ihnen. Er drängt mich energisch ab und schiebt mich durch die Hecktür zurück in den Bus. Dann stellt er sich selbst wie ein Zerberus davor und hält Wache.
Ich presse mein Gesicht ans Fenster, sehe aber nicht viel, weil die Scheibe verdreckt ist. Die Umrisse des Mädchens mit den Eiern auf dem Kopf sind dennoch sichtbar, sie klopft auch einmal gegen das Fenster. Als ich durch die vordere Tür des Busses wieder aussteigen will, kommen mir bereits die zurückkehrenden Fahrgäste entgegen. Der Busfahrer hat auf seine Hupe gedrückt, dann schaltet er die Scheinwerfer wieder ein und fährt los.
Etwas später steigt ein kanadisches Paar zu. Wie sie mir bald erzählen werden, waren sie drei Tage hängen geblieben, bis nun dieser Bus vorbeigekommen ist.
Der Tag nimmt einen stürmischen Ausklang. Da die Fenster nur notdürftig mit Planen verhängt werden, ist es nicht zu verhindern, dass es in den Bus hereinregnet. Ich fürchte eine Erkältung zu kriegen. Das geht so lange, bis der Bus in einer kleinen Stadt hält und eine Reihe von Leuten aussteigt. Ich kann mir jetzt einen günstigeren Platz sichern und versuche verzweifelt ein wenig zu schlafen. Aber das klappt in dieser Nacht nicht eine einzige Minute.
… Am Morgen erreichen wir Tahoua. Der Bus, erfahre ich, wird nach einer Pause weiterfahren nach Agadez, sogar bis Arlit.
Die beiden Kanadier heißen Mariette und Louis, wir kommen rasch ins Gespräch und ich erfahre, dass sie ein halbes Jahr im Entwicklungsdienst in Nigeria gearbeitet haben, wohl ähnlich wie die Peace Corps-Leute. Wir beschließen in Agadez, dem besten dafür denkbaren Ort, gemeinsam einen Lkw zu suchen, der uns durch die Wüste schippert.
Wir wechseln noch etwas Geld und der Bankangestellte hier in Tahoua, dessen Hobby es offenbar ist, die Adressen der durchreisenden Ausländer zu sammeln – mit dem überschwänglichen Versprechen bald zu schreiben –, ist etwas überrascht, als ich ihm das mit seiner Adresse beschriebene Zettelchen unter die Nase halte, das er mir vor Wochen gegeben hat. Er kann sich, wenn überhaupt, nur mühsam an mich erinnern und ist nun sichtlich verlegen.
Obwohl der Bus nur wenige Passagiere hat, fährt er – nach erneuter langer Wartezeit – am Nachmittag endlich los. Nach häufigen Zwischenaufenthalten gelangen wir gegen Mitternacht nach Agadez.
Um nicht kreuz und quer mit den Rucksäcken herumlaufen und nach einem Hotel suchen zu müssen, mache ich mich alleine auf die Suche und führe, nachdem ich fündig geworden bin, M & L ins Hotel L’Air, wo wir auf der Terrasse schlafen können.
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