Niedergeschlagen
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Freitag, 6. August
Das große Warten beginnt. Wir machen an diesem Freitag bereits einen Wagen aus, der angeblich am morgigen Samstag in Richtung Algerien aufbrechen wird. Es gibt freilich noch einige Schwierigkeiten: Zwei Vermittler wollen sich in das Geschäft einschalten. Man kann sie offenbar nicht so einfach umgehen, und als wir uns dann für einen von ihnen entscheiden, protestiert der andere und macht ein Monopol für sich geltend. Er hat damit bei dem von uns bestimmten Mann damit Erfolg, der macht einen Rückzieher und der heftig schimpfende Monopolist erhält nun vom Fahrer eine Provision.
Wir bezahlen einen Vorschuss von einem Drittel des Gesamtpreises und – es kann nicht anders sein – bereuen es schon bald. Nicht dass uns jemand betrügen wollte, aber wir sind mit einem Mal, vor allem was den Zeitpunkt der Abfahrt betrifft, in Abhängigkeit geraten.
Letzten Endes sind aber gar keine anderen Lkws für unsere Strecke in Sicht, von daher könnte es uns auch egal sein. Am Samstag verabschieden wir uns aus unserem sehr angenehmen Hotel, von dessen Terrasse man auf das berühmte aus Lehmziegeln gebaute und mit hölzernen Stangen gespickte Minarett blickt, auf die ganze Stadt fast. Aber der Abschied ist übereilt, denn natürlich fahren wir an diesem Tag nicht los.
Sabrina treffe ich wieder, die französische Journalistin, die zuvor mit Stéphane – meinem Spion und nicht doch auch Preller einer Hotelrechnung? – unterwegs gewesen ist. Sie ist niemals bei den Foulani gewesen. Stattdessen ist sie mit ihrem (etwas blasierten) Freund, der nach Niamey gekommen war, zur Westküste gefahren und will nun auf demselben Lkw wie M & L und ich nach Algerien zurück.
Die Nacht von Samstag auf Sonntag verbringen wir bereits auf der Ladefläche. Es regnet wieder und die Plane ist undicht. Zu allem Überfluss ist mein Wassertank leck. Er steht neben meinem Schlafsack und weicht die Strohmatte, auf der ich liege, auf. Ich selbst (es lebe dieser gute Schlafsack!) bleibe jedoch gänzlich trocken. Insgesamt gesehen, ist es eine furchtbare Nacht.
Außer Warten ist nicht viel zu tun, aber das ist auf Dauer anstrengend genug. Natürlich ist da auch die Stadt Agadez und natürlich mache ich etliche Spaziergänge, verweile manchmal bei den riesigen Wasserpfützen, die sich jetzt in der Regenzeit gebildet haben, richtigen Teichen, in denen sich die Kröten und Frösche tummeln, besorge mir hier und da etwas Essbares (sehr guten Biskuitkuchen zum Beispiel), rede mit Leuten, aber das Warten übt einen bleiernen Druck aus. Und so kommt es, dass wir am Sonntag rebellieren. Ergebnis: Man serviert uns ein schmackhaftes Frühstück, es soll uns ein wenig beruhigen. Am Abend gibt es auch noch ein Makkaroni-Essen und wir erhalten sogar den gezahlten Vorschuss zurück. Es ändert aber nichts daran, dass der Lkw sich noch immer nicht rührt.
Die Überlegung einen Lkw zu suchen, der lediglich bis Arlit fährt, führt nicht weit, die Probleme wären die gleichen, und besser wir haben sie in Agadez. Mit ein paar Jungen spiele ich Fußball an diesem Sonntag, sonst passiert nicht viel.
Vielleicht sollte ich aber diese kleine Straßenszene vermerken: Ein kleiner Junge biegt um die Ecke, sieht mich, starrt mich einen Moment lang an, läuft wieder zurück in die Richtung, aus der er gerade gekommen ist, und fängt an zu heulen. Nicht nur der schwarze Mann kann einem Angst machen, sondern einem Schwarzen auch der weiße Mann.
Louis hat Geburtstag. Wir haben einige münzgroße Biskuitküchlein besorgt und bestecken sie mit Streichhölzern, die wir dann anzünden, damit Louis sie mit einem Mal auspusten kann. Ich schenke ihm eine Sandrose, die ich auf dem Markt aufgetrieben habe.
Meine CFAs sind wieder einmal ausgegangen, weil die Hoffnung auf eine samstägliche Abfahrt (in Algerien kann ich mit den westafrikanischen Francs nicht mehr viel anfangen) sich nicht erfüllt hat. Die Bank ist am Wochenende geschlossen und nun müssen M & L mich für eine Weile durchfüttern.
Ich mache mir bewusst, dass Agadez die letzte Station in Schwarzafrika auf dieser Reise für mich ist. Aber die Stadt ist natürlich in erster Linie von der Sahara geprägt, wird überwiegend von Tuareg- und Boroboro-Leuten bevölkert, die, obwohl von schwarzer Hautfarbe, dem Maghreb kulturell näher sind als den Küstenregionen im Süden und Südwesten.
Als Louis sich längere Zeit mit einem dieser Leute unterhält, ihn ausfragt nach lokalen Gebräuchen, scheitere ich wie so oft auf meiner Reise an der Sprache. Sicher, das eine oder andere bekomme ich mit, lasse mir auch von Louis hin und wieder etwas übersetzen, aber ich habe das Sprachproblem im frankophonen Afrika doch etwas unterschätzt. (Von dem anglophonen Ghana hatten mir Ghanaer, denen ich in Togo begegnet war, abgeraten – "politisch zu gefährlich".) Immerhin, mich fasziniert die Ausgeglichenheit, die melodische Stimme dieses Mannes, der Louis ein wenig von seiner Familie und seinem Leben erzählt.
Guido, ein Italiener hat sich zu unserer Gruppe gesellt, und er sorgt für etwas Leben, macht Späße und bringt uns einfache Kartenspiele bei.
Auch das muss erwähnt werden: Dass ich am Sonntagmorgen einen kleinen Unfall habe. Der Lkw, auf dem wir schlafen, hat über der Ladefläche nur Querstreben. Um jedoch eine Plane auflegen zu können, hat man noch zwei Längsbalken hinzugefügt. Sie sind unbefestigt und einer davon kracht mir plötzlich (wenn auch aus geringer Entfernung) auf den Schädel. Für ein paar Stunden bin ich leicht benommen, dann geht es wieder einigermaßen und scheint auch weiter keine Folgen zu haben.
Als der Wagen mit ein paar Erdnusssäcken beladen wird, schöpfen wir wieder Hoffnung auf eine bevorstehende Abfahrt. Am Sonntagabend regnet es nicht. Aber die Frösche quaken scheinbar noch lauter als an den Abenden und in den Nächten davor. Diese Nacht ist erfrischend und sternenklar.
… Wir fahren los! Und wie in solchen Fällen üblich, muss nun, obwohl Tage des trägen Herumhängens und Vertröstens hinter uns liegen, plötzlich alles ganz schnell gehen. Ich fülle wieder meinen Wasserkanister auf und hoffe ihn in eine entsprechende Position zu bringen, in der nichts herauslaufen kann.
Am Tag zuvor schon hatten wir uns erkundigt (um ein Argument der Lkw-Leute zu entkräften, die behauptet hatten, die Straße nach Arlit sei nicht passierbar) und von einem Zollbeamten erfahren, dass es keine Hindernisse auf dem Weg gäbe. Tatsächlich ist die Straße nicht überschwemmt – bis auf eine Stelle. Und vor ihr müssen Pkws und Kleinbusse unweigerlich kapitulieren. Unser Truck dagegen rauscht durch das Flussbett und fügt dem Gedanken an ein Wüstenschiff eine neue Bedeutung hinzu.
Schon früh um die Mittagszeit sind wir in Arlit – und das Warten beginnt aufs Neue. Weiß der Teufel, was nun der Grund ist (wenn es denn abgesehen von der Lust oder Lustlosigkeit des Fahrers überhaupt einen gibt), jedenfalls ist bald schon klar, dass an diesem Tag nicht mehr ans Weiterfahren zu denken ist.
Guido leiert ein Kartenspiel an, die Kurzweil dauert aber nicht lange. Dann verabschiedet er sich von uns. Er hat, wie erhofft, seine Freunde in Arlit gefunden und kehrt nun mit ihnen nach Niamey zurück.
Plötzlich ist der Himmel, ist alles um uns herum rot. Ein Sandsturm. Gerade können wir uns noch in einen Unterschlupf flüchten. Der rote Nebel nimmt bald schon eine grauweiße Farbe an und löst sich unter dem nächsten Regenschauer, der ihn wohl vor sich hergetrieben hat, wieder auf.
Monsieur le chauffeur spendiert uns ein Abendessen aus der Dose, einen Gemüsesalat der Marke Heinz. Danach richten wir eine Schlafstelle im Freien her. Louis hat zwei Strohmatten besorgt, auf denen wir uns zu dritt irgendwie einrichten. Aber erneut kommt Regen auf und wir sind gezwungen uns in ein kleines Restaurant zurückzuziehen. Dass zwei Männer und eine Frau so dicht nebeneinander schlafen, erregt zunächst das Misstrauen der Leute, die um uns versammelt sind. Aber es gelingt uns die Bedenken zu zerstreuen und bald wird das Licht gelöscht und alle schlafen friedlich ein.
… Es ist noch gar nicht hell, als wir wieder aus dem Schlaf geholt werden. Wieder soll alles ganz rasch vonstatten gehen und es bleibt kaum Zeit die Schlafsäcke richtig einzupacken. Wach werde ich erst, als ich schon wieder auf einem der Erdnusssäcke hocke. Und jetzt beginnt von Neuem die Wüste!
Endloses Sandmeer, Wanderdünen, später grauschwarze Felsen. Ich stehe auf zwei Ölfässern und blicke über das Fahrerhaus, der (nicht mehr so heiße) Wind bläst mir ins Gesicht. Was ich vor mir habe ist wie die Erfüllung eines Kindertraums.
Als wir zum Frühstück anhalten, interessieren mich nicht Nescafé und halb trockenes Brot, sondern ich klettere einen kleinen Felsen hinauf und blicke aus der Vogelperspektive auf die Landschaft. Ich würde gerne noch länger verweilen, aber die Fahrt geht bald wieder weiter. Nächster Halt ist die Zollstation auf nigrischer Seite. Dieses Mal dauert es nicht wieder Stunden bis zur Abfertigung, sondern alles geht zügig vonstatten.
Ich trete auf Louis’ Sonnenbrille. Zuvor hatte ich meine eigene bereits eingebüßt, weil ich mich während der Fahrt zu tief über die Ladeklappe des Lkw gebeugt hatte. Louis hat zum Glück eine zweite, ich ziehe meinen Schesch – ganz nach Art der Tuareg – einfach weiter in die Stirn.
Auf der algerischen Seite dauern die Dinge wieder etwas länger. Zum Mittag gibt es Makkaroni mit Trockenfisch. M & L haben einen Mehrgewürzstreuer mitgebracht, so eine runde Plastikdose mit einer drehbaren Scheibe, die dann mal dieses, mal jenes Gewürz ausstreut. Aber der Deckel hält nicht fest genug, fällt ab und alle Gewürze werden auf einmal ausgeschüttet, ins Essen. Es schmeckt dann sehr markig und ich bin, während ich diese Zeilen schreibe, noch immer nicht ganz von diesem Geschmack befreit.
Wir werden am selben Tag noch abgefertigt. Das mit dem internationalen Studentenausweis scheint überflüssig gewesen zu sein, sie akzeptieren auch den nationalen. (Immerhin hatte mir der Pförtner in der Botschaft ein Exemplar des Kicker geschenkt.) Aus In Ghuezzan fahren wir heute freilich nicht mehr weg. Noch ein paar andere Leute campieren hier draußen im Wüstensand und so brennen bald mehrere Lagerfeuer.
In der Nacht sticht mich ein Insekt. Davon merke ich zwar nichts, aber am Morgen bin ich beim Blick in den Spiegel einigermaßen entsetzt.
… Die Spur des bewussten Insekts – einmal über die ganze Breite des Gesichts, Nase inklusive – ist ein dicker Ausschlag. Aber der Schreck lässt bald nach, denn die Sonnenstrahlen bringen ihn nach ein paar Stunden wieder völlig zum Verschwinden.
Es geht wie immer früh am Morgen los. Solange die Tageshitze noch nicht eingesetzt hat, könnte man leicht der Illusion verfallen, als könne man einfach so durch die Wüste spazieren, sie erobern. Aber dann kommt die Sonne, die Hitze und macht einen taub und stumm. Und doch ist diese Wüste wie ein Rausch. Ich stehe ununterbrochen während der Fahrt auf den Ölfässern und sauge mit den Augen die Landschaft auf.
Die Autowracks entlang der Strecke häufen sich. Sie dienen den Fahrern wohl inzwischen als Markierungen auf der Piste (in dieser Gegend hauptsächlich einer so genannten Wellblechpiste, der Rillen im Sand wegen). Einmal sind zwei mit Namen versehene Kreuze in die Erde gerammt.
Zwei Nomaden mit ein paar Ziegen stehen an der Piste und wollen mitgenommen werden, weil der Lkw, mit dem sie gekommen sind, einen Motorschaden hatte und aufgeben musste. Die Tiere werden sogleich auf unseren Laster umgeladen, heißt, Stück für Stück nach oben gehievt, genau wie das Gepäck. Das dauert gut zehn Minuten. Und als auch die beiden Männer heraufgeklettert sind, feilscht man um den Fahrpreis. Man erzielt aber keine Einigung. Die Tuareg-Hirten wollen offenbar deshalb nicht den regulären Preis bezahlen, weil sie der Ansicht sind, dass die an den anderen Fahrer gezahlte Summe, und sei’s aus moralischen Gründen, mit berücksichtigt werden müsse. Bei unserem Fahrer stößt dies auf taube Ohren: Entweder zahlen oder hier bleiben. Es dauert dann wieder zehn Minuten, bis alle Ziegen, bis das Gepäck und die Männer wieder ausgeladen worden sind. Und tschüß.
Am Nachmittag halten wir in der Nähe eines tief eingegrabenen Lasters. Es dauert Stunden, bis er wieder freigeschaufelt ist, dabei wird gleichzeitig noch ein Reifen gewechselt. Unsere Lkw-Leute leisten eifrig Hilfe und wir haben wieder einmal einen längeren Aufenthalt.
Ich fühle mich plötzlich schwindelig und habe leichten Durchfall. Das Einzige, das mir dazu einfällt, ist mich flach zu legen und abzuwarten. Ist es die Sonne, die mir zugesetzt hat oder ist es doch noch eine Folge des Schlags durch den Balken? Oder kriege ich einen Malariaanfall? Ich schlucke vorsichtshalber eine Extradosis Resochin.
Es ist längst dunkel geworden, als wir weiterfahren, doch davon kriege ich nicht mehr viel mit.
… Ich habe fast ein bisschen Angst davor aufzuwachen. Wir sind in der Nacht in Tamanrasset angekommen und verbringen die Zeit bis zum Morgen an der dortigen Zollstation.
Mich weckt ein Fußtritt eines Menschen, den ich den Fernsehmann nenne. Er hat nämlich auf der Fahrt ein altes Fernsehgerät transportiert und es die ganze Zeit über eifersüchtig bewacht. Auch ein Großteil der anderen Fracht, die Erdnusssäcke beispielsweise, gehört ihm. Er traktiert mich dauernd, weil er entweder etwas umsortiert und mich deshalb von meinem Platz glaubt scheuchen zu müssen oder weil ich seinem heiligen Fernseher zu nahe gekommen bin. Er hat zudem ein etwas stumpfsinniges Aussehen und ist mir äußerst unsympathisch (vermutlich auch, weil ich in ihm einen dieser aggressiven, ewig geärgerten Spießbürger wiedererkenne).
Der also weckt mich, weil er denkt, ich müsse nun von seinen Säcken steigen. Aber ich traue mich nicht in die Höhe, weil ich befürchte, es gar nicht zu können, krank zu sein. Als ich mich – aber erst nach einer zögerlichen halben Stunde – dann erhebe, bin ich quicklebendig.
Es war eine großartige Fahrt, an die ich mich sicher mein ganzes Leben noch erinnern werde. Louis stand die meiste Zeit neben mir, wir haben uns immer wieder angesehen und manchmal den Kopf geschüttelt: Was sich an Sand- und Felsformationen vor uns ausgebreitet hat, kannten wir beide noch nicht (der Hinweg mit dem Tahoua-Laster war nicht ganz so eindrucksvoll). Manchmal steht da, kilometerweit von nichts anderem umgeben als Sand und einigen Steinbrocken ein wunderbar grüner Baum. Seine Wurzeln müssen Dutzende von Metern tief in den Boden ragen, um das benötigte Wasser aufnehmen zu können. Dann eine Art steinernes Hufeisen mit der Öffnung nach oben. Wie eine Skulptur steht es da, quasi ein Scheibchen eines urzeitlichen Flussbetts. Oder die vielen schwarzgrauen Felsenburgen, die zumindest auf einige Entfernung so aussehen, als seien es welche, die aber doch nichts weiter sind als die Spitze abgebrochener Tafelberge. Große und kleine Dünen natürlich, aber zuweilen auch ein Kamelmarkt im aufgewirbelten Sand: nur Kamele und vermummte Gestalten. Dazwischen herumzuschlendern ist, als blättere man in einem genreverliebten Comic. Das Wort Märchenbuch würde ich fast noch lieber hinschreiben.
Wir passieren nun eine zweite Zollkontrolle. In In Guezzam waren wir, nachdem wir einen der Zöllner beim Backgammonspiel hatten gewinnen lassen, alle "Studenten". Bei dieser Kontrolle nun geht es ein wenig seriöser zu. Als Student bleibe nur ich noch übrig. M & L werden zu einem Zwangsumtausch aufgefordert, 1.000 AD, ein hübsches Sümmchen, das man erst einmal aufbrauchen muss.
Ein paar Deutsche, die auf ihre Abfertigung warten – unter ihnen zwei aus Ludwigshafen – laden uns zum Frühstück ein, zu Brot und Pflaumenmus. Dann trampen wir in die Stadt. Die Bank, in der M & L ihren Umtausch erledigen sollen, hat geschlossen, was beim Zoll niemand zu wissen scheint. Da gibt es aber auch noch eine Möglichkeit im Grand Hotel der Stadt. Nun latschen wir unsere Füße dorthin wund.
M & L bleiben gleich da und mieten ein Zimmer. Sie hatten noch zwei Tage länger als ich kein richtiges Dach über dem Kopf, die arme Mariette war die meiste Zeit müde, zum Schluss auch etwas kränklich. Das Hotel trägt zwar das Grand im Namen, aber das bezieht sich bestenfalls auf die Anzahl der Zimmer, weniger auf den Komfort.
Immerhin profitiere ich ein wenig von diesem Haus. Nicht nur, dass der hier gegebene Kurs recht günstig fürs Geldtauschen ist, sondern ich werde für 100 DA endlich die seit meinem Algierflug in der Tasche befindliche Whiskyflasche los.
Mein Gepäck schaffe ich in M & Ls Zimmer, nehme dort auch die lang ersehnte Dusche und lege meine Wüstenklamotten ab. (Für immer.)
Dann zurück in die Stadt. Zum Flugbüro zuerst, wo ich allerdings erfahre, dass die Flüge nach Algier auf Tage hinaus ausgebucht sind. Auf dem Büro der Busgesellschaft erfahre ich, dass Reservierungen für den nächsten Tag erst ab 14 Uhr möglich seien. Gerade ist Mittagszeit.
Ich kehre wieder zu meinen beiden Reisegefährten zurück, die sich gerade in ihrem Zimmer ausbreiten. Mit meinem Schlafsack werde ich auf den Campingplatz umziehen, aber das hat noch ein wenig Zeit. Der Mittag kocht vor sich hin, wir machen uns auf den Weg, um die Bustickets nach Ghardaïa zu besorgen.
[An dieser Stelle bricht das Tagebuch ab. Von Louis und Mariette habe ich mich später in Ghardaïa verabschiedet, wir sind noch ein paar Jahre im brieflichen Kontakt geblieben. In Algier habe ich mich dann nicht lange mehr aufgehalten, wohnte, weil alle Hotels der Stadt belegt schienen, wieder in meinem alten Hammam auf dem Dach. Als ich zuletzt über eine Gangway meine Interflug-Maschine bestieg, roch es auf halbem Weg schon nach vertrautem DDR-Lysol, ich war bereits wieder halb zu Hause.]