Reisebericht Mali 2003: Gao
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Auf dem Nigerfluss in einem Boot zur Überquerung zur roten Düne von Gao |
Gao und Wiedersehen mit Timbuktu
Am frühen Morgen des 3.1.03 fuhren wir weiter und kamen zu einer Fähre nach Gao, ähnlich wie bei Djenné. Bei der Fähre gab es eine Baracke, wo man heissen Kaffee haben konnte und frisches, warmes Fladenbrot. Es war herrlich und unsere Laune hob sich deutlich! Nach Ueberquerung mit der Fähre fuhren wir zu "einem Bekannten von einem Bekannten" nach Hause (ein Lehmgehöft auf Sand), wo ich mich in einer "timbuktischen" Dusche waschen und zur Toilette gehen konnte! Eine timbuktische Dusche? So nenne ich einen Raum im Freien (ummauert, aber ohne Dach), und eiskalt oder auch brütend heiss, je nach Tageszeit! Am frühen Morgen war er eiskalt. Ebenso war das Wasser eiskalt, ich überwand mich aber und wusch mich komplett. Frisch gewaschen und wieder angezogen, fuhren wir in Gao auf den Friedhof, um das Grab der Grossmutter zu besuchen.
Danach ging's weiter in ein Dorf ausserhalb Gaos, namens Akal Souk, das früher eine Tuaregsiedlung gewesen war. Dieses Dorf ist in den Bürgerkriegsjahren in Mali's Norden völlig zerstört und all seine Bewohner von den Regierungs-soldaten, d.h. auch alle Frauen und Kinder, massakriert worden. Es gab nur ein paar halbzerfallene Mauern zu sehen. Es war wie bei einer Totenandacht. Die diversen Berichte, die ich gelesen hatte, kamen mir in den Sinn. Seydou sagte, es sei sehr wichtig, dass wir hierherkämen, weil diese Tragödie niemals vergessen gehen dürfe.
Still fuhren wir weiter zu den "Tombes des Askias", den Gräbern der Askiakönige in Gao. Leider fand gerade eine Gebetsstunde statt, sodass wir nicht ins Gebäude hinein durften. Das Gebäude sieht aus wie die Sankoré-Moschee in Timbuktu - Lehmbau mit Holzstäben, die vertikal in den Mauern stecken. Seydou kletterte aufs Autodach, um bessere Fotos über die geschlossene Mauer machen zu können. Zwischendurch traf er dauernd auf Bekannte, da er in Gao geboren und teilweise aufgewachsen war. Nach der Photosession fuhren wir zu seinen Verwandten, die uns sehr herzlich empfingen. Auch ich wurde stürmisch umarmt und willkommen geheissen, eine sehr schöne Geste, da ich diese Menschen ja zum ersten Mal sah. Ich fühlte mich sehr wohl. Gao macht mir optisch den Eindruck von Timbuktu, nur sei es viel grösser. Es ist kühl hier. Die Strassen sind sandig, die Gebäude aus Lehm - alles ist in dieser typischen braunen Farbe. Im Haus der Verwandten habe ich im Wohnzimmer ca. 2 Stunden geschlafen - wie alle Wohnzimmer in Mali's Norden ist es fast leer, d.h. rund um die Mauern (Wände) liegen Matten oder Matratzen, wo man sich draufsetzt oder liegt, in der Mitte ist ein Teppich, und auf einer entfernten Seite so etwas wie ein Buffet und in der Ecke der Fernseher. Der Cousin hat zwei kleine Söhne. Manchmal schaffe ich es fast nicht, mein Tagebuch nachzuführen, weil ich so viel erlebe. Ich muss es aber tun, damit ich nicht die Hälfte vergesse - vermutlich vergesse ich auch so einiges! Während ich dies schreibe, liege ich im Salon des Hauses vom Cousin in Gao Die Nacht in dem Auto war sehr anstrengend gewesen, da man sich nur "zusammengefaltet" hinlegen konnte. Es ist kalt hier in Gao, man merkt, dass wir im Norden sind. Noch etwas: Auch hier bei Gao war der Sternenhimmel wieder sensationell und ich habe zwei Sternschnuppen gesehen!
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Die rote Düne von Koyma (Gao) direkt in der Stadt und auf einer Seite in den Nigerfluss abfallend |
14.30 - Fahrt auf dem Niger mit einer Pinasse zu den roten Dünen. Das Mittagessen bei den Cousins war sehr reichlich (Couscous arabe, Fisch, Wassermelone). Ich ass viel, wurde aber ständig ermahnt, mehr zu essen – vermutlich die Gastfreundschaft. Ich ass, obwohl ich keinen Hunger hatte.. Wir fahren an Seegras mit vielen Wasservögeln vorbei - eine wunderschöne Aussicht. Danach Aufstieg auf die "Dune rose", welche direkt und ziemlich steil in den Fluss Niger abfällt. Es war sehr anstrengend, denn ich hatte einen sehr vollen Bauch. Auf der Düne oben hatten wir eine schöne Aussicht - teils auf die Sanddüne mit ihren Wellen, die rötlich war, teils auf den Niger, der tief unten floss mit seinen Schiffen und auf das andere Ufer. Wir machten natürlich auch hier unsere Photos, aber ich war sehr müde und froh, als wir zurückgingen.
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Kinder in der Wüstenstadt Gao |
Gao, Samstag, 4.1.2003
Habe mein Haar gewaschen - allerdings mit viel Ueberwindung da nur eiskaltes Wasser zur Verfügung stand, die Zähne geputzt und "geduscht", und war auf der Toilette - und fühle mich wohler! (Es ist ein Trugschluss zu denken, in Afrika sei es immer heiss und das Wasser immer warm!). Die Mutter der beiden Buben heisst Lalla Fatouma und ist eine Tuaregfrau aus Kidal. Sie ist sehr nett und spricht auch Sonrai - neben Tamashek - und sei ebenfalls eine "Cherifa", so werden die Nachkommen des Propheten genannt. Ich habe gut geschlafen bis zum Morgen. Wir fühlen uns erfrischt. Lalla Fatouma spricht etwas französisch und ist oft in meiner Nähe. Wir mögen uns sehr. Ich trank einen Capuccino aus mitgebrachten Sachets und habe etwas Brot gegessen. Nun gibt es ein grosses Frühstück, an dem ich aber nicht teilnehme, da ich schon gegessen habe. Geschlafen haben wir unter einem Moskitonetz auf einer grossen Matratze am Boden. Lalla Fatouma ist sehr schön, sie hat eine ziemlich helle Haut und trägt immer sehr schöne Kleider. Leider habe ich zu wenig Zeit, um ausgiebig mit ihr zu reden. Das "relativ gute Badzimmer" ist ein Verschlag aus Lehmmauern und Sandboden, hat aber zumindest eine funktionierende, nackte elektrische Birne, d.h. Licht auch nachts! Man schätzt nun solche Einrichtungen sehr und ist mit wenig schon sehr glücklich. Man duscht aus einem Kübel, aber es gibt auch einen funktionierenden Wasserhahn, allerdings fast am Boden unten, sodass man nicht den Kopf zum Haare waschen darunter halten kann! Aber immerhin, für den bisherigen Standard ist es ein Fortschritt. Während ich am Boden schreibe, kommt Lalla Fatouma herein, sie trägt ein wunderschönes, türkisfarbenes Kleid mit einem grossen Halsausschnitt, deshalb liegt eine Schulter frei. Sie hat die Haare hinten zusammengebunden, was ihr schönes, längliches Gesicht und schmale Nase betont.
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Tuareg-Holzlöffel aus der Tuaregstadt Gao |
Habe diverse Photos von den Kindern gemacht. Es gab wie üblich viel Besuch, darunter auch zwei Mädchen, welche Ghya und Samira heissen. Plötzlich kam Najim, ein Onkel, und brachte mir einen Sack voller Geschenke - eine grosse, runde Tuaregbox mit farbigem Leder bezogen, ein Paar Tuaregsandalen (neu, wunderschön und zu kostbar zum Tragen!), eine Lederchomeissa mit Metallbeschlag (Chomeissa = Tuareganhänger in Form von 5 Rauten, geometrisch angeordnet, symbolisierend die 5 Finger (Hand) der Fatouma), ein Tuaregportemonnaie. Ich war sehr überrascht! Darauf kam die "grande soeur" Nana und brachte mir einen Ballen hellblauen Stoffes, welches sich als Sonrai-Wickelkleid entpuppte. Man wickelt es um den Körper, über der linken Schulter werden die Stoffteile zuammengeknüpft, ebenso unter dem linken Arm, durch die entstandenen zwei "Löcher" schlüpft man mit dem Kopf und dem linken Arm. Den Rest des Stoffes wickelt man um den Kopf und drapiert ihn über die Schulter. Wir machten auch hier zahlreiche Photos von mir in diesen Sachen, da alle in Begeisterung ausbrachen (ich konnte mich selber ja nicht sehen, da es nirgends Spiegel gab). Zusätzlich bekam ich noch einen dunkelblauen Kopfschleier, der nicht zu diesem Kleid gehört. Najim fand, ich müsse das hellblaue Kleid ans Tuaregfestival tragen, danach würde man mich "nie wieder" finden! Ich fühlte mich sehr geschmeichelt.
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Auf der roten Düne von Gao, genannt auch Koyma - Grössenvergleich |
Ich geniesse die Ruhe in Seydou's Familie und schaue eine TV-Kassette an (auch das gibt es hier!). Sie zeigt einen Film eines preisgekrönten Filmemachers aus Gao. Eine alte Frau mit seltsamen Augen (ist sie blind ?, die Augen scheinen blau)) namens Niamousoda (sie sei die Grossmutter vom Onkel) wird mir mit viel Gelächter als meine "Co-Epouse" vorgestellt - ein beliebter Witz. Der traditionelle Tanz der Sonrais heisst "Takamba" und die traditionelle Frauenfrisur besteht aus vielen kleinen Zöpfchen, die zuerst dem Kopf nach geflochten sind und erst hinten "ins Freie fallen". Der Takamba wird mir vordemonstriert - ich kann ihn weder vergleichen noch erklären. Die einfachste Erklärung - man bewegt sich im Rhythmus zur Musik - was alles und nichts heisst. Wir erhalten Dourno (la Crème des Nordens) zum Trinken, ich nehme ein wenig, es ist SEHR süss und scharf zugleich, und un-glaublich mastig. Ich kann es nicht trinken, es ist zu mastig und kommt mir vor wie Erbrochenes (man möge mir verzeihen! Es ist anders als jenes, das ich vor zwei Jahren in Timbuktu getrunken hatte), d.h. der Geschmack ist anders. Ich kriege es nicht durch meine Kehle!
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Les tombes des Askias (die Gräber der Askia-Könige, eine heilige Stätte, sieht auch aus wie eine Moschee). Leider schlechte Bildqualität. |
Um 15.00 Uhr sind wir in Gao abgefahren, über den holprigen Damm zur Fähre. Nach der Abfahrt gab es noch einen Umweg zu einer Cousine in Gao, die beim Markt wohnt. Um 15.30 Uhr sind wir auf der Fähre gelandet und warten. Ich frage mich, ob wir mit diesem Auto bis Timbuktu fahren. Bis die Fähre gefüllt ist (erst dann fährt sie ab - das kann sehr lange dauern und ist an keinen Zeitplan gebunden!), ist es 16 Uhr. Ein Bauer hat gerade dicht neben unser Auto drei Esel getrieben, und die armen Tiere dermassen geschlagen, dass es mir körperlich wehtat. Ich bin froh, als wir die Fähre hinter uns haben, und mit ihr das Chaos mit den Tieren und Karren. Nach der Fähre fahren wir durch flaches Land auf geteerter Strasse. Links und rechts sind Sträucher und kleine Bäumchen. Die Strasse ist sehr gut, es ist 16.30 Uhr. Ich habe starken Husten. Ich habe mich erkältet, als ich mich auf dem Gehöft im Freien wusch mit kaltem Wasser bei sehr kalter Luft.
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