Endlich Timbuktu

 

 

 

Moschee Timbuktu

Die Djingareyber Moschee in Timbuktu

Endlich Timbuktu!

Die Djingareyber Moschee in Timbuktu

So fuhren wir nach 35 Minuten mit vollbesetztem Auto (hier heisst "vollbe-setzt", dass doppelt so viele Leute darin sitzen wie Sitze vorhanden und dass nochmals so viele an den Türen "hängen"! und dies bei intensiver Hitze) in Timbuktu ein und erreichten das Telecenter, auf einem grossen Platz, wo ich nun Oumar, einen Targi, den ich per Brief kannte, persönlich kennen lernen sollte. Es wäre mir tausendmal lieber gewesen, mit Seydou unsere Adressen zu tauschen, und mit ihm ein Wiedersehen zu vereinbaren. Aber irgendwie hoffte ich, dass wir dies noch machen könnten - nein, ich war mir dessen sicher. Ich hatte keine Ahnung, wie die nächsten Stunden sein würden, sonst hätte ich vielleicht die Courage gehabt, und ihn darauf angesprochen.

Das Treffen mit Oumar war eine Enttäuschung. Seine unfreundlichen Worte zur Begrüssung machten das letzte Fünkchen Hoffnung, er sei vielleicht nett, zunichte, nachdem er mir optisch nicht gefiel. Er erschien mir als ein kleines, mageres, weissgesichtiges Männchen, das, wie ich später erfuhr, ein Alkoholproblem hatte. Doch das erfuhr ich erst Jahre später. Ich fühlte mich, als wäre ich in einem Film und spielte eine wichtige Rolle darin, und all diese Menschen um mich, würden ebenfalls in dem Film mitspielen. Ich sah irgendwie von oben wie ein Zuschauer auf mich selbst und die anderen Akteure hinunter - es war eine total wunderliche Situation, die irgendwie absurd war. Ich war zwar im Mittelpunkt des Geschehens, aber zugleich auch ausserhalb allen Geschehens - ein stiller, sprachloser Zuschauer. Ich fragte mich selber, von oben heruntersehend, was ich da machte? Und ich blickte gespannt auf die Szene und wunderte mich, was als nächstes passieren würde. War ich etwa in einem Theater und blickte ich auf eine Bühne? Eine bizarre Vorstellung!

Tür Timbuktu Schnitzkunst

Typische Haustüre in Timbuktu, nach alter marokkanischer Art beschlagen (aus der Zeit, als Timbuktu von den Marokkanern besetzt war)

Kira sandte im Telecenter Emails ab. Danach fuhr Seydou mit uns weg, zum Hotel Amanar. Ich war geknickt, weil das Ende unserer Reise gekommen war. Danach würde ich ihn kaum wiedersehen, ausser es gäbe eine plötzliche Aenderung der Pläne - entweder durch mich selbst oder durch ihn. Er kam vorerst auch in mein Hotel-Zimmer und schaute sich alles an. Auch Kira und Oumar kamen mit und Boujouma, der sich im Telecenter zu uns gesellte. Boujouma ist ein alter Freund von Kira und Mohamed. Es war ein ziemliches Gedränge in meinem kleinen Hotelzimmer - und es schien unmöglich, mit Seydou ein paar private Worte zu wechseln. Ich hatte ständig das Gefühl, dass er mir etwas sagen wollte, er stand zögernd herum, unschlüssig, irgendwie auf eine Gelegenheit wartend und schaute mich stumm an.

und ging als letzter aus dem Raum. Auch ich schaute ihn flehend an, wortlos, verzweifelt. Aber ich war zu durcheinander, wollte mit ihm reden - getraute mich aber nicht. Ich brachte nichts heraus. Es war eine jener Situationen, die man im Nachhinein nicht mehr begreift. Warum nur sagte ich nichts! Warum nur fehlte mir der Mut? Warum sagte er nichts? Er stand noch eine Weile herum und wartete - worauf? Es wäre ganz einfach und absolut nichts dabei, mit oder ohne Oumar, Boujouma und Kira im Zimmer, ihn zu fragen! Doch ich war wie zur Salzsäule erstarrt. Die Gelegenheit - ich verpasste sie! Ich war total überfordert. Alles, was ich herausbrachte, war ein sehr schwaches, geflüstertes, praktisch unhörbares "Merci", den Tränen nahe, hoffend, er würde doch noch etwas sagen und wir könnten etwas abmachen, oder unsere Adressen austauschen. Ich glaubte bis zur letzten Sekunde, dass wir noch miteinander reden würden, dass er oder ich noch etwas sagen würde. Allein, so unglaublich es tönen mag, die Chance verstrich ungenützt.

Tuareg Timbuktu

Salem ag Ahmed, ein Targi aus Timbuktu

Plötzlich waren alle gegangen und ich befand mich allein im Hotelzimmer. Nach all den vielen Menschen im Zimmer diese Leere - eine Katastrophe! Ich konnte es nicht fassen, dass ich allein war, und ich weder seinen Nachnamen noch seine Adresse wusste. Schliesslich flossen meine Tränen immer mehr, und endeten in einem verzweifelten Sturzbach.. Ich befand mich in einem Wirbel der Gefühle, der mich nach innen sog und nach unten, immer weiter nach unten, in einer schwarzen, verrückten, nie-endenden Spirale. Die Wände stürzten sich über mir zusammen, und ich lag da - in dieser Spirale, wortlos, unfähig, mich zu bewegen oder zu denken - gelähmt und sprachlos - in einem schwarzen Schlund.

Später: Ich sitze auf der Terrasse vom Hotel "Amanar" und habe mit Mohamed geredet. Viele heissen hier Mohamed, so bedarf es einer Erklärung, WELCHER Mohamed gemeint ist. Dieser ist ein Tuaregschmied und kann auch Kameltouren organisieren (jeder hier scheint Kameltouren organisieren zu können!). Ich soll seine Werkstatt im Marché des Artisans im Zentrum von Timbuktu besichtigen. Er würde mir auch Geld wechseln - ohne Provision - und sagt, in Timbuktu sei es absolut sicher. Ich könne nachts mit all meinem Geld in der Strasse schlafen, es würde mir nichts passieren. Er stellt Timbuktu-Kreuze aus Metall und Ebenholz her und erklärt mir deren Bedeutung: Tin = Brunnen; Bouctou = Name der Tuareg-Frau die vor langer Zeit an diesen Ort kam und hier blieb. Die Dreiecke auf dem Timbuktu-Kreuz sind Symbole für die Zelte der Tuareg, die Kreuze sind Symbole für die Sterne, der Kreis ist ein Symbol für den Ziehbrunnen. Dieses Kreuz sei der "Ausweis" für die Einwohner, sodass man an jedem Brunnen trinken dürfe. Man reinigt das hölzerne mit einer Art Schmirgelpapier und ölt es danach ein. Das Tuareg-goldene reinigt man mit Zitronensaft, sagte er mir! Tuareggold ist eine Legierung und enthält kein Gold. Ich will die ganze Oumar-Sache abschliessen und vergessen! Ich will die Uhr, die ich Oumar schenken wollte, Seydou geben. Ich bereite einen Umschlag vor, schreibe einen Brief an ihn, lege die Uhr dazu, klebe alles zu und übergebe es Boujouma, der verspricht, ihn zu finden. Danach fühle ich mich etwas besser und habe wieder etwas Hoffnung.

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