Tripolis
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Mein Aufenthalt in Tripolis sollte diesmal ein viel längerer werden, als ich Anfangs vermuthete; bei meiner Ankunft theilte mir Herr Rossi mit, dass Mohammed Gatroni, der nach dem Tode Hammed Tanjani's bestimmt war von der Küste nach dem Innern die Geschenke zu übermitteln, in Fesan nicht aufzufinden gewesen wäre, und wenn sich dies später auch als irrthümlich erwies, da eines Tages der Gatroner hoch zu Meheri in Tripolis eingeritten kam, so hatte ich doch gleich, um auf alle Fälle den Abgang der Karavane zu sichern, nach Tunis telegraphirt. Herr von Maltzan, der sich dort zu der Zeit noch aufhielt, hatte mir nämlich später geschrieben, dass Dr. Nachtigal aus Cöln, welcher Leibarzt beim Bei von Tunis war, geneigt wäre, die Geschenke nach Bornu zu bringen, und da hiezu nun auch die Erlaubniss von Berlin aus nöthig war, fragte ich telegraphisch an und erhielt zur Sendung Dr. Nachtigal's eine zustimmende Antwort. Wenn dieser nun auch rasch genug eintraf von Tunis, so war seine Ausrüstung doch nicht sobald gemacht, er musste wieder nach Malta zurück, und da ich auf keinen Fall Tripolis eher verlassen konnte, als bis die Karavane wirklich abgegangen, musste ich mich in Geduld fügen; jedenfalls hatte ich Zeit genug, diesmal die Stadt recht gründlich kennen zu lernen.
Tripolis, welches die meisten Europäer Tripoli (Beehey schreibt Tripoly), wir Deutschen aber richtiger nach dem Vorgange Carl Ritters Tripolis schreiben, weil gar kein Grund vorhanden ist das s weg zu lassen, überdies die heutigen Bewohner es auch mit einem s schreiben ( Trablis) ist nach dem Urtheile der besten alten Geographen, und der meisten neueren Forscher auf der Stelle des alten Oea erbaut. Als dies unter dem Kalifate von Omar zerstört wurde, erbauten die Araber eine neue Stadt auf den Trümmern, der sie den Namen des ganzen Districtes gaben. Es ist kein Beweis vorhanden, dass weder Sabratha noch Oea ihren Namen vor der barbarischen Invasion geändert hatten. Wir haben aber viele Beispiele, wo die Araber ganze Provinzen durch eine Stadt bezeichnen, so ist oft Stambul die ganze Türkei, Fes ganz Marokko für sie. Auch dass Oea von den Alten nie als Hafen angeführt worden ist, ist kein stichhaltiger Grund, es kann vielleicht zu der Zeit bei Oea kein natürlicher Hafen wie jetzt bei Tripolis gewesen sein. Die weit vom Spanischen fort nach Osten hinziehenden Riffe und Felseilande beweisen, dass meist dies das Ufer war.
Jetzt ist von Alterthümern nichts mehr in der Stadt, als der allerdings schöne vom Scipio Defritus (nach Barth vom Proconsul Caius Oifitus) in den Tagen von Antonin dem Marcus Aurelius Antoninus und Lucius Aurelius Verus errichtete Triumphbogen. Dieser Triumphbogen allein zeugt schon, dass hier eine Stadt gestanden haben muss, da kann es denn auch nach den Itenerarien gar keine andere als Oea gewesen sein. Derselbe ist von sehr sorgfältiger Arbeit aus riesigen Marmorquadern aufgeführt, aber über ein Drittel ist unter Anhäufung von Schutt und Sand. Auf der Aussenseite sieht man grosse männliche und weibliche Figuren, welche allegorische Scenen darstellen oder geschichtliche Ereignisse repräsentiren. Die nach Norden zu angebrachte Inschrift ist jetzt halb vermauert, überhaupt ist das ganze umbaut und durchmauert, in früheren Zeiten war sogar eine von einem Malteser gehaltene Schnapskneipe darin. Diese ist nun zwar entfernt, aber nicht etwa aus Pietät für ein Kunstwerk aus dem Alterthume, sondern weil ein altes türkisches Gesetz existirt, wonach Schnapsschenken nur in einer gewissen Entfernung von einer Moschee angelegt werden dürfen und da hat man denn ausgefunden, dass obschon Moschee und Kneipe Jahre lang nebeneinander in Frieden bestanden, die Djemma des Hadj Ali Gordji näher der Kneipe stände, als erlaubt sei und einfach wurde der Befehl zum Schliessen gegeben. Der wahre Grund war aber der, dass die Tholba der Moschee zu viele Gläser Araki umsonst verlangten und da der Inhaber der Schenke ohne sich selbst Schaden zu thun, diese nicht mehr verabfolgen wollte, so fand die heilige und gelehrte Corporation schnell einen Grund, die Schenke gesetzlich dort aus dem Auge zu schaffen. Tout comme chez nous, dachte ich, als der frühere Besitzer mir dies erzählte.
Andere Alterthümer darf man höchstens noch in den Djemmen suchen, auch sieht man an vielen Strassenecken eingemauerte Säulen oft mit corinthischen Capitälern, um die Häuserecken vor Abschleissen zu bewahren. Einige Steine mit verwischten Inschriften, eine Art von Altarstein mit einem Sperberbilde im nördlichen Stadtwall, das ist Alles, was Tripolis dem blossen Auge bietet. Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, dass der frühere Generalconsul Mr. Warrington beim Bau seines Hauses in der Mschia dort einige kostbare Glasurnen fand, die jetzt auf dem britischen Museum in London sind.
Tripolis wird von zwei Seiten vom Meere bespült, im Norden und Osten. Fast fünfeckig werden die anderen drei Seiten von einer sandigen Ebene umgeben, nach der Landseite sind keine Gräben, die Mauern aber hoch und steil, obschon heute so baufällig, dass man sie mit Flintenkugeln zusammenschiessen könnte. Früher hatte die Stadt zwei starke Forts, am nordöstlichen Eck das sogenannte spanische, welches im Jahre 1863 explodirte und das im Südostwinkel der Stadt, welches aber schon seit Jahren zum Schloss des Gouverneurs umgebaut worden ist. Zwei detachirte Forts, von denen das eine im Norden der Stadt auf einem Felseilande gelegen unter dem Namen des französischen, das andere östlich am Strande der Mschia gebaut ist, den Eingang des Hafens beherrschend und das englische genannt wird, sind vollkommene Ruinen. Aus dieser Beschreibung wird man ersehen, dass die Stadt, obschon sie von weiten noch recht stattlich und stark aussieht, nichts weniger als stark ist. Früher nur mit zwei Thoren versehen, von denen eins sich im Osten auf dem Hafenquai öffnete, das andere im Süden nach der Mschia hinausführte, hat man jetzt neben dem Südthor noch ein anderes und auch durch den Westwall ein viertes Thor durchgebrochen. Der Hafen im Osten der Stadt ist durch die vom spanischen Forte aus sich in's Meer ziehenden und mit der Küste parallel lautenden Riffe, der Stadt und der Küste gebildet, so dass nur die Seite nach Osten offen bleibt. Mit geringer Mühe könnte er zu einem der geräumigsten und sichersten an der Küste gemacht werden und es scheint auch als ob von der türkischen Regierung jetzt wirklich etwas dafür gethan werden soll. Man kann nicht läugnen, dass nach der jetzt erfolgten Durchstechung des Canals von Suez dies auch seine Bedeutung für Tripolis und Bengasi haben wird und die Pforte hat das begriffen. Augenblicklich ist der Hafen nur für kleinere Schiffe zugänglich, Schiffe von mehr als 10 Fuss Tiefgang müssen auf der Rhede ankern.
Die Stadt selbst ist in fünf Quartiere getheilt, von denen das nordwestlichere mehr von den Juden, das östliche also am Hafen gelegene, von den Christen bewohnt wird. Früher wohnten die Juden in einer Milha, hier Harra genannt, abgesperrt, während sie jetzt durcheinander mit Christen und Mohammedanern wohnen. Die Strassen in Tripolis sind breit und reinlich (natürlich immer vergleichungsweise mit anderen mohammedanischen Städten) und einige hat man in letzter Zeit sogar angefangen zu pflastern und mit Laternen zu versehen. Von jeher erfreute sich Tripolis übrigens dieses Rufes, Leo beschreibt die Häuser als schön, im Vergleich zu denen in Tunis, Blaquière geht sogar so weit zu behaupten, die Stadt könne, was Bauart der Häuser und Reinlichkeit der Strassen anbeträfe, verschiedenen europäischen Städten, am mittelländischen Meere als Muster dienen. Die Häuser der Mohammedaner haben meistens ein Stockwerk, sind von aussen reinlich geweist und alle mit platten Dächern versehen; in der Mitte ist in jedem Hause ein grosser Hof, zu dem ein gebogener Gang mit doppelten Thüren von der Strasse aus führt, so dass ein Fremder, wenn auch die Thüren offen stehen, nie in den Hof des Hauses selbst hineinsehen kann. In diesem Gange sind immer steinerne Bänke angebracht, wo der Hausherr geschäftlichen Besuch empfängt und sonst die Sklaven und Diener des Hauses sich aufhalten. Die meisten Häuser haben auch engvergitterte Fenster nach der Strasse. Die Zimmer öffnen sich alle auf den Hof durch hohe maurisch gewölbte Thüren und sind immer lang und schmal. Die oberen Zimmer öffnen sich auf eine Gallerie, welche inwendig im Hofe herunterläuft und dem unteren Hofe zugleich Schatten abwirft. Alle mohammedanischen Häuser haben wenigstens einige europäische Möbeln, die der reichen Kaufleute und Beamten sind vollkommen europäisch möblirt. Die Häuser der reichen Juden unterscheiden sich in Nichts von denen der Europäer und die der ärmeren Juden in Nichts von denen der Mohammadaner, nur dass sie noch schmutziger sind. In jedem Hause, auch dem kleinsten, ist eine Cisterne, welche das süsse Regenwasser des Daches auffangt und das meistens für den Consum des Hauses von Jahr zu Jahr genügt, da für Waschungen, oft auch zum Kochen benutzt, in jedem Hause ein Brunnen ist, der freilich nur brakisches Wasser hat.
An öffentlichen Gebäuden hat Tripolis das Schloss des Paschas, ein unregelmässiges Gebäude ohne jede Schönheit in der Architectur, eine Kaserne und Harem, sowie zahlreiche Beamtenwohnungen sind damit verbunden. Von den fünf Hauptmoscheen zeichnet sich keine durch Schönheit aus, auch nicht die neue von Hadj Ali Gordji, in den dreissiger Jahren erbaut, alle aber sind im Inneren mit griechischen und römischen Säulen geschmückt, von denen namentlich die am Ssuk el turk befindliche herrliche Monolithen aus Porphyr hat. Die christliche Bevölkerung hat zwei Kirchen, eine katholische und eine griechische. Mit der katholischen ist ein Kloster verbunden mit Franziscanern. Es ist dies eins der ältesten Klöster, die koptischen in Aegypten ausgenommen, in Afrika und seine Entstehung datirt von der Herrschaft der Malteser Ritter über Tripolis. Die Mönche haben eine Schule für die Kinder der christlichen Bevölkerung, ein Theil von ihnen versieht den Gottesdienst und andere sind Handwerker. Der Vorsteher des Klosters, der den Titel Präfect führt, hat Bischofsrang und Gewalt. Die Einnahme des Klosters beläuft sich auf eine Subvention von 20,000 Francs pro Jahr und Sporteln, welche Taufen, Ehen u.s.w., aufbringen. Mit dem Kloster ist ein Hospital verbunden, welches von den Schwestern von St. Joseph geleitet wird. Im Hospitale werden Kranke jeden Glaubens aufgenommen. Die Türken haben nur ein Militairhospital, welches ausserhalb der Stadt liegt, sonst aber gut eingerichtet ist, 120 Kranke aufnehmen kann und unter Umständen auch Civilpersonen geöffnet ist. Für europäische Fremde ist ein Gasthaus vorhanden, welches indess selbst für die, welche mit bescheidenen Ansprüchen auftreten, noch viel zu wünschen übrig lässt. Zahlreiche und gut eingerichtete Funduks sorgen für das zeitweilige Unterkommen der Mohammedaner. Es giebt keine eigentliche Bazars in Tripolis, doch bilden ganze Strassen gewisse Märkte, so ist auf dem Stuk el turk, hauptsächlich für Taback, Opium, Kaffee und feinere Sachen gesorgt, in anderen Strassen, wie el Kessariah, werden hauptsächlich einheimische Stoffe und Kleidungsstücke verkauft; die Zünfte der Schreiner, Schuster, Sattler, Schmiede u.s.w., haben ihre besonderen Strassen und ausserdem giebt es grosse europäische Kaufläden, wo Alles zu haben ist. Drei Pharmacien sorgen für die Bedürfnisse des kranken Publikums, zwei öffentliche Bäder für die Reinlichkeit und dass zahlreiche Schnapsbuden vorhanden sind, braucht wohl kaum angeführt zu werden. Ordnung und Sicherheit in der Stadt wird durch Polizisten aufrecht erhalten, obschon man sie bei Tage kaum bemerkt, sondern sie erst Nachts, wo sie häufig patrouilliren, wahrnimmt, ausserdem ist eine Hauptwache, Douanenwache und Schlosswache vorhanden, und alle Thore immer mit Doppelposten versehen. Als oberste Municipalbehörde fungirt der Schich el bled, und obschon derselbe keinen Gehalt bezieht, ist sein Posten doch einer der einträglichsten. Der jetzige Schich el bled ein gewisser Ali Gergeni soll, da er sich schon länger als zehn Jahre auf diesem Posten gehalten hat, der reichste Mann von Tripolis sein. Alle europäischen Nationen mit Ausnahme der deutschen sind durch Consulate vertreten, von diesen haben die Engländer, Holländer, Franzosen und Italiener Generalconsulate. Was die Zahl der Bewohner anbetrifft, so mögen gegen 18,000 Seelen in Tripolis11 sein, von denen 3000 Christen und 4000 Juden sind. Die Christen sind der Mehrzahl nach Malteser, dann Italiener und Griechen, alle anderen Nationen sind nur durch einzelne Familien vertreten.
Die europäische Bevölkerung in Tripolis lebt fast ausschliesslich vom Handel und dieser dehnt sich von Jahr zu Jahr aus, obschon die Türken nichts thun ihn zu heben. Der Hafenverkehr weist im Zunehmen begriffen einen Schiffsverkehr von über 450 Schiffen jährlich auf, von diesen sind fast dreiviertel unter otomanischer Flagge fahrend, und die übrigen gehören ihrer Wichtigkeit nach der italienischen, englischen, Jerusalemer12, französischen, griechischen und österreichischen Flagge an. Da die Schiffe alle nur klein sind, so haben sie nicht mehr als (z.B. ihre Zahl zu 400 angenommen) einen Gesammttonnengehalt von ca. 30,000 Tonnen. 400 Schiffe würden also ungefähr 12 norddeutschen Lloyddampfern ihren durchschnittlichen Tonnengehalt zu 2500 Tonnen gerechnet, gleichkommen. 400 Schiffe importiren und exportiren durchschnittlich für 5,250,000 Fr. an Werth, die Importation übertrifft aber in der Regel die Exportation.
Die hauptsächlichsten Exportationsartikel sind: Korn, Oel, Früchte (Datteln, Orangen und Citronen), rother Pfeffer, Thiere, Wolle, gegerbte Felle, Butter, Elfenbein, Wachs, Straussenfedern, Goldstaub, Sklaven, etwas Gummi arabicum, Senne und Indigo, Natron, Schwämme und Manufacturwaaren: als Matten, Körbe, Teppiche. Wenn wir annehmen, dass diese einen Gesammtwerth von 5,000,000 Fr. repräsentirten, so würde das Korn allein über die Hälfte der Summe ausmachen, dann Oel, Elfenbein, Sklaven, Goldstaub, Wolle und Thiere die zunächst wichtigen Artikel sein. An importirten Sachen finden wir Kattunstoffe: als Malte und Mahmudi von England, Tuch, Seiden- und Sammetstoffe, Kram- und Esswaaren, Kaffee, Zucker, Färbestoffe, Wein und Spiritus, Tabak, Brennmaterial, Bauholz, Metalle, Waffen, verarbeitetes Leder, Papier, Nürnbergerwaaren, Porcellan, ächte Corallen, Glasperlen, Bijouterie, Silber (in Form von 5-Fr.-Stücken und Maria-Theresien-Thaler), Uhren, Möbeln und andere Manufacturgegenstände. Von diesen Gegenständen sind die Kattune, Tuch- und Seidenstoffe die wichtigsten, dann kommen zunächst Kram- und Esswaaren, Glasperlen, Metalle, Zucker und Wein.
Nach Testa betheiligen sich die verschiedenen Häfen am Mittelmeere in folgendem Verhältnisse: Malta 8/16, die Levante und Alexandrien 3/16, Livorno und Italien 2/16, Tunis 2/16, Marseille und Algier 1/16.
Ausser dass natürlich täglich gekauft und gehandelt wird, sind zwei grosse Märkte wöchentlich vor den Thoren der Stadt, am Dienstag vor dem Südthore und Freitags vor dem Westthore. Tausende von Menschen kommen dann hier zusammen aus der ganzen Regentschaft, und diese Tage bieten gewiss eins der bedeutendsten und interessantesten Bilder afrikanischen Lebens, das man sich nur denken kann. Sklaven werden heute nicht mehr öffentlich verkauft, aber heimlich und mit Wissen der Consulate, so dass jeder Europäer Kenntniss davon hat. Man bezahlt in Tripolis eine hübsche Negerin mit 120 Thaler, eine Fullo mit 150–160 Thaler und eine Tscherkessin mit 300 Thaler und mehr. Junge Negerbursche sind zu dem Preise von 70–90 Thaler zu haben. Pelissier constatirt noch eine Sklaveneinfuhr von 2708 Köpfen, einen Werth von 759,000 Fr. repräsentirend, für das Jahr 1850, während Testa für dasselbe Jahr nur 1500 Sklaven aufführt mit einem Gesammtwerthe von 300,000 Fr. (Testa rechnet pro Kopf 200 Fr., was jedenfalls jetzt viel zu niedrig ist, da ein junger Bursche in Mursuk oft schon mit 70 Maria-Theresien-Thaler bezahlt wird). Es scheint aber als ob jetzt energischere Maassregeln, besonders vom englischen Generalconsulate sollen ergriffen werden.
Der derzeitige Gouverneur von Tripolitanien Ali Riza Pascha ein Algeriner, ist im Ganzen ein Mann von Bildung, aber obschon er recht gut französisch spricht, und alles im Schloss bei ihm à la franca ist, so hat er doch lange nicht das Humane, und ein so gutes Administrationstalent wie sein Vorgänger Mahmud Pascha; dieser war nach seiner Abberufung von Tripolis Kaputan Pascha oder Marineminister geworden, welchen Platz er auch noch heute im türkischen Reiche ausfüllt. Ali Riza Pascha war in Frankreich erzogen worden, nachdem sein Vater früher Algier aus Franzosenhass verlassen hatte, und nach Constantinopel übergesiedelt war. Später als er einsah, dass er nicht gegen den Strom schwimmen konnte, schickte er durch Vermittlung der französischen Botschaft in Constantinopel seinen Sohn auf die Artillerieschule nach Frankreich, wo Ali Riza Pascha sich das Officierspatent erwarb und dann gleich darauf in türkische Dienste trat. Da er seine Studien in Frankreich gemacht hatte, konnte ihm hier Avancement nicht fehlen, und im Jahre 1860 hatte er schon den Rang eines Mareschals. Sein Charakter ist seltsam gemischt, so theilte er z.B. Morgens Almosen aus an fanatische Druische, welche Spottlieder auf die Christen und christliche Religion sangen, und ging Abends auf einen Ball oder in eine Gesellschaft, die irgend ein europäischer Consul gab. Er versuchte einige Verschönerungen in der Stadt anzubringen, aber seine Maassregeln waren alle nur halb. Er hatte einen kleinen Thurm mit einer Uhr bauen lassen, und eine Glocke schlug die Stundenzahl; als nun die Araber sagten, der Pascha habe eine christliche Glocke (als Abzeichen einer Kirche in üblen Geruch bei fanatischen Mohammedanern) errichten lassen, verbot er jedem bei Gefängnissstrafe das Wort „Glocke“ zu gebrauchen, und in den ersten Tagen dieses Uhr-Thurmbaues waren immer einige Individuen im Gefängniss, welche sich des Wortes Glocke13 unvorsichtigerweise bedient hatten.
Ali Riza Pascha gab auch Bälle, ebenso der Schich el bled Ali Gergeni, aber beide hüteten sich wohl ihre eigenen Frauen dabei erscheinen zu lassen. Diese durften sich zwar die Herrlichkeiten des Tempels wohl mitansehen, aber nur von einem Zimmer aus, dessen Thür ein Gitter hatte, von wo aus sie alles sehen konnten, ohne bemerkt zu werden. Sobald ein europäischer Consul eine Gesellschaft gab, pflegten Beide nie zu fehlen.
Am meisten Aufsehen machte indess sein Colonisationsversuch von Cyrenaica. Wenn schon die Alten unglücklich gefahren waren, als sie sich zuerst ca. 640 Jahre vor Christi Geburt bei Plataea, dem heutigen Bomba, unter Battus niederliessen, so war Ali Riza Pascha dadurch keines Besseren belehrt; er ging Anfangs 1869 mit zwei ihm von Constantinopel zur Disposition gestellten Dampfern, welche mit Baumaterial, Lebensmitteln etc. beladen waren, nach Bengasi und von da nach Bomba und Tokra. Die Colonisten waren zusammengelaufenes Gesindel, Bettler und obdachlose Leute aus Tunesien, welche die Hungersnoth nach Tripolitanien getrieben hatte, und dann Leute aus Sauya, Djebel und Mschia, welche nichts zu verlieren hatten. Für den Unterhalt dieser Leute glaubte Ali Riza Pascha dadurch zu sorgen, dass er jedem Familienvater einige Stück Ziegen, Abgabenfreiheit auf gewisse Zeit, eine pecuniäre Unterstützung (ca. 20 türkische Piaster monatlich, also einige Groschen mehr als ein preuss. Thaler), Getreide um eine Aussaat zu machen, dann von der Regierung errichtete Wohnungen gewährte. Europäische Colonisten schloss er ganz aus, aber mehrere Consuln begleiteten ihn.
Wenn man nun aber die Indolenz der Mohammedaner, den Nomadenhang der Araber, ihren unabhängigen Charakter in Betracht zieht, so ist es sehr die Frage, ob diese Colonie mit solchen Leuten reussiren wird. Die Hauptsache aber, woran das ganze Unternehmen scheitern dürfte, ist die schlechte Wahl der Oerter, wo Ali Riza seine Colonisten hinführte; ein Blick auf die Karte von Afrika zeigt uns zwar, dass Bomba und Tabruk die einzigen guten, natürlichen Häfen an der ganzen Küste zwischen Alexandrien und Goletta sind, wo Schiffe gegen alle Stürme gesichert ankern können. Und immer im Winter bei schlechtem Wetter war dies auch die einzige Zufluchtsstätte für dort in der Gegend auf hohem Meere sich befindende Schiffe gewesen, Ali Riza Pascha scheint aber vorher nicht gewusst, und es später übersehen zu haben, dass bei Bomba und Tabruk gar kein fruchtbares Hinterland ist, sondern gleich Wüste, die Leute also, welche sich dort niederlassen, gar keine Gelegenheit haben, Aussaaten zu machen, oder selbst nur Viehzucht zu treiben. Und einen Ort an dieser Küste, mit solchen Menschen, unter solchen Verhältnissen emporblühen zu sehen, erscheint mehr als zweifelhaft. Eben die Gründe, dass eine Existenz hier nicht möglich war, zwang die Griechen diesen Ort zu verlassen, um dann in der Nähe am Apolloquell die berühmte Cyrene zu gründen.
Obgleich denn auch türkische Zeitungen pomphaft die Colonisationsangelegenheit beschrieben haben, so liegen uns aus Privatbriefen Nachrichten vor, dass schon Streitigkeiten mit den dort nomadisirenden Arabern ausgebrochen seien, hauptsächlich des Süsswassers wegen, das auch nur spärlich vorhanden ist.
Das gesellschaftliche Leben ist namentlich im Winter recht rege, obschon es sehr durch die Rivalitäten der verschiedenen Consulate gestört wird, im Winter 1868/69 wurde es aber noch sehr vermehrt durch den Aufenthalt von Alexandrine Tinne und später des Baron von Maltzan. Alexandrine Tinne, die kühne holländische Reisende, war gerade einige Wochen vor mir in Tripolis eingetroffen, von Malta und Tunis kommend, und bereitete sich vor, ins Innere zu gehen. Wie immer auf ihren Reisen ohne festen Plan, hatte sie sich endlich doch entschlossen, nach Fesan und Bornu zu gehen, hatte aber auch schon damals die Absicht, nach Rhat zu gehen, um die dort hausenden Tuareg zu besuchen. Vergebens versuchte ich sie von diesem Gedanken abzubringen, sie glaubte fest, dass, weil Hadj Chnochen, einer der Chefs der Tuareg, vor Jahren mit Colonel Mircher eine Art von Vertrag gemacht hätte, sie vollkommen sicher in dieser Gegend voll jener wilden Horden reisen könne, vergebens beschwor ich sie, jene grossen französischen aus Eisen gemachten Wasserkisten nicht mitzunehmen, welche allerdings für die französischen Truppen in Algerien ganz praktisch sein mögen, aber für einen einzelnen Reisenden die grösste Gefahr herbeiziehen, weil sie eben die Raubsucht der wilden Stämme erweckt, vergebens suchte ich sie zu bewegen, bewährte Diener von Tripolis mitzunehmen, statt jener Algeriner und Tuniser, auf deren Treue sie gar nicht bauen konnte, und welchen sich merkwürdigerweise eine Menge unnützer Weiber und Kinder zugesellt hatte. Alexandrine Tinne liess sich nicht rathen, oder glaubte die Gefahren in den Gegenden, die sie vor hatte zu bereisen, geringer als sie in der That sind. Armes Mädchen, alle liebten sie in Tripolis; Christen, Juden und Mohammedanern war sie in der kurzen Zeit ihres dortigen Aufenthaltes eine Freundin geworden, sie schied wie so viele vor ihr frohen Herzens und mit kühnem Muthe, und wie so viele vor ihr, sollte sie Tripolis nie wiedersehen. Jetzt bleichen ihre Gebeine mit denen ihrer einzigen beiden treuen Diener im weissen Sande von Fesan, nicht alleine, schon zwei Christen wurden vor langen Jahren auch dort begraben. Friede sei ihrer aller Asche.
Fußnoten:
11 Ritter: 25,000 Ew., Barth: 13–14,000 Ew., Mircher: 15–18,000 Ew., Vatonne: 30,000 Ew. (mit der Mschia), Hoffmann: 30–35,000 Ew., Testa: 10,000 Ew., Klöden: 10,000 Ew., Maltzan: 15–18,000 Ew.
12 Die Pforte verleiht dem Patriarch von Jerusalem das Recht, unter seiner Flagge, welche weiss ist, durch ein rothes Kreuz geviertelt und in den vier weissen Feldern wieder je ein rothes Kreuz hat, Schiffspatente zu verkaufen; dies wird häufig von katholischen Rhedern benutzt, und der Jerusalemer Pavillon ist auf dem mittelländischen Meere von allen Mächten, auch von der Pforte, als neutral respectirt.
13 In Tripolis und dem Rharb sagt man kudas für Glocke, eigentlich heisst das aber Messe und Glocke el djars.
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