Aufbruch zur Libyschen Wüste
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"Wie ein Afrikareisender mit einer Schlittenpartie seine Reise in die Libysche Wüste antritt", hätte ich dieses Mal mein Tagebuch überschreiben können. Das ist auch wohl noch nicht dagewesen, und doch,—denn als ich meine zweite Reise antrat, mußte ich ja auch nach einigen Tagemärschen, wenn auch nicht durch oder über Schnee, so doch daran vorbei und noch dazu in Afrika selbst, auf dem großen Atlas.
Diesmal galt es nun zwar nicht, den mit Schnee bedeckten Atlas zu übersteigen, sondern auf angenehmste Weise über den herrlichsten aller Alpenpässe zu kutschiren, über den Splügen. Am Morgen in der Frühe sollte es weiter gehen, und so geschah es auch. Eine ziemlich zahlreiche Reisegesellschaft, drei große Postwagen voll Menschen beiderlei Geschlechts, von jeglichem Alter, von jedem Stande. Ich hatte für mich einen Coupéplatz bekommen und Noël[28] im selben Wagen einen Interieurplatz. Neben mir (die Coupés haben nur zwei Plätze) saß noch eine junge Dame, ein Mädchen, ein Backfisch, ein Kind—eine jede dieser Bezeichnungen würde auf sie gepaßt haben—nicht hübsch, nicht häßlich, Schweizern, mit einer entsetzlichen Aussprache des Deutschen und ungemein schüchtern, verlegen und blöde. Der Backfisch, nennen wir sie so, war in Belfort in Pension gewesen, um Französisch zu lernen; unter der Zeit waren seine Eltern von der Schweiz, wo sie ansässig gewesen waren, nach Bergamo gezogen und jetzt, nach beendigtem Cursus, sollte der Backfisch wieder heim zu den Eltern. Und das ging ganz gut, wie ein Packet wurde er befördert. In Chur logirten wir z.B. im "Luckmanier" zusammen, der Backfisch wurde von der Wirthin empfangen u. Abends, als der Wirth gehört hatte, ich reise nach Italien, kam er zu mir, ob ich nicht den Backfisch unter meine Obhut bis Como oder Lecco nehmen wolle, dort würde er von verwandten Fischern in Empfang genommen werden. Natürlich sagte ich nicht "nein" und merkwürdig genug traf es sich, daß im Interieur eine nach—der Türkei, nach Trapezunt reisende Dame sich unter Noël's Schutz begab.
Ich unterlasse es, von den Schönheiten der Via mala zu sprechen, offenbar der schönste und großartigste Paß, der über die Alpen führt und welcher, da der Baumbestand aus Nadelhölzern besteht, zu jeder Zeit grün ist. Ja, ich möchte sagen, der naturschönheitliche Reiz wird im Winter eher erhöht, als vermindert durch die starken Contraste des blendendweißen Schnees und des tiefen, fast schwarzen Grüns der Fichten und Kiefern. Als sämmtliche Passagiere obligaterweise an der Stelle ausgestiegen waren, wo die Via mala am engsten ist und wo eine Brücke über den Schlund führt, die man auch Teufelsbrücke hätte nennen können, ging es weiter und Mittags erreichten wir Splügen.
Eine gemeinschaftliche Table d'hôte brachte alle Reisenden zusammen und der gute Veltliner Wein, wie das warme Zimmer führten eine recht animirte Unterhaltung herbei, denn zur Hälfte waren die Reisenden Italiener, welche, froh, bald die Grenze ihrer cara Italia erreicht zu haben, nicht verfehlten, ein Glas mehr, als gewöhnlich, zu trinken. Mit dem Orte Splügen hat man aber keineswegs die Paßhöhe erreicht. Im Gegentheil, jetzt beginnt erst das steile Steigen und eine Viertelstunde oberhalb des Dorfes fanden wir ein ganzes Schlittendepôt. Die Postkutschen wurden verlassen und je Zwei wurden in einen eleganten Schlitten gepackt; wir hatten die Schneegrenze erreicht. Natürlich geht dieselbe im December noch tiefer, bis Chur selbst, hinunter und fängt im Januar und Februar gar unterhalb Chur an, aber im November und October fällt Schnee nur bis Splügen und etwas oberhalb.
Hatten wir am Tage vorher abscheulich nebliges Wetter gehabt, so war unsere Via-mala-Tour, unsere Schlittenpartie über den Splügen, durch den sonnigsten, italienischen Himmel verherrlicht. Aber kalt war es. Trotz des Südwindes, der allerdings stundenlang über Gletscher und Schneefelder fegte, fror man bis auf's Innerste. Wie froh war ich, daß ich meinen grauen Mantel und die Pelzdecke mitgenommen hatte. Drei Stunden brauchten wir zu dieser Schlittenfahrt und man kann sich einen Begriff machen, welche Schneemassen im Laufe des Winters auf den Alpen angehäuft werden, wenn ich sage, daß wir manchmal Stellen passirten, wo der Schnee schon (durch Anwehen) 10-12' hoch lag. Auf der Südseite, noch mitten im Schnee, liegt die italienische Douane, während man die Grenze schon früher auf der Kante des Passes selbst passirt hat.
Die Zollbeamten waren diesmal äußerst milde; hielten sie mich für irgend eine besondere Persönlichkeit (denn in den Augen aller dieser Leute passirte Noël immer als mein Diener), oder ist die Praxis überhaupt milder geworden, genug, es wurde nur ein Koffer pro forma geöffnet und damit war Alles fertig. Ich war namentlich froh wegen meiner Patronen, die ich ja gern versteuert hätte, von denen ich aber fürchten mußte, sie würden confiscirt werden.
Bald darauf erreichten wir die südliche Schneegrenze und in ebenso guten Postkutschen ging es weiter. Den herrlichen Punkt, wo ein Gießbach ins Thal hinab braust und wo man der Fernsicht halber eigens eine Kanzel erbaut hat, von der man die schönste Aussicht genießen kann, passirten wir noch eben bei Licht, dann noch eine halbe Stunde das schönste Alpenglühen, wie ich es nie leuchtender und intensiver gesehen habe, und tiefe Nacht senkte sich rasch auf uns herab. Nach zwei Stunden, d.h. um 6-1/2 Uhr Abends, waren wir in Chiavenna.
Das Hotel zur Post, von dem Herrn Schreiber gehalten, ist berühmt in ganz Italien und auch wir konnten mit dem Nachtmahl, welches uns aufgetischt wurde, nur zufrieden sein; ja, das Lob seines Valtelliner machte, daß er uns noch eine Flasche, natürlich für unser Geld, heraufholte. Wir schieden um 10 Uhr als gute Freunde (im ganzen Hôtel ist nur deutsche Bedienung) und weiter ging's bis Colico, welchen Ort wir um 1 Uhr Nachts erreichten. In Colico selbst wurde nur umgeladen in einen anderen Wagen, der nach Lecco bestimmt war.
Aus dieser schönen Tour längs des Lago di Como, die ich übrigens zu Lande schon einmal, zur See schon mehreremal gemacht habe, merkten wir nun zwar nichts von den Reizen der Natur, aber die milderen Lüfte und zur Seite des Wagens die belaubten Olivenbäume bekundeten auch so genug, daß wir uns auf der anderen Seite der Alpen befänden.
In Lecco angekommen, wurde ich des kleinen Backfisches ledig. Als wir uns aus dem Omnibus Einer nach dem Anderen entwickelten, stand ein Herr bereit: "Sind Sie Fräulein Müller?" (Meier, Schulze oder Schmidt, so ungefähr klingt der Name). "Ja, ich bin es." Und damit fiel die junge Dame in verwandtschaftliche Arme.
Wir Anderen fuhren von Lecco gleich mit der Bahn bis Mailand weiter und direct ins Hôtel Reichmann, nächtigten daselbst und fuhren ohne Unterbrechung nach Brindisi, wo wir Abends um 10 Uhr anlangten. Von den anderen Herren war noch Niemand hier, ich vermuthete, Alle seien wegen des Choleragerüchtes über Triest gegangen. Zu meiner Freude hörte ich aber bald darauf, daß die Cholera erloschen sei.
In Brindisi ist ein vorzügliches Hôtel, das des Indes orientales. Die Absicht, in eine Locomda zu gehen, gab ich auf, da ein italienischer Reisegefährte mir unterwegs sagte, man bekäme dort unfehlbar pedocchi d.h. die Thierchen, welche die Franzosen im Gegensatze zu den Flöhen, der leichten Cavallerie, die schwere nennen. Näher brauche ich diese menschenfreundlichen Thierchen wohl nicht zu bezeichnen. Ich dachte aber, es ist noch früh genug; wenn man sich ihrer in Afrika nicht wird erwehren können, dann muß man mit ihnen haushalten.
Komisch erschien mir die Extravaganz der italienischen Damen in den neuesten Moden: fußhohe Chignons aller möglichen Formen, selbst die Hörner der Pullo-Frauen[29], die Wulste der Mandara-Damen[30] sind nicht ausgeschlossen; ich glaube, keine Damen der Welt entwickeln so viel Phantasie in der Herstellung aller nur möglichen Haartouren, als die schönen Milaneserinnen. Sehr häufig sieht man vorn auf der Stirn kleine Löckchen glatt angeklebt mit Pomade, ein entsetzlich schlechter Geschmack. Alles dies gilt nur von der vornehmen Welt, das Volk ist in dieser Beziehung vernünftiger.
Mein Zimmer in der Bel-Etage des Hôtels von Brindisi ging auf den Hafen, und wenn auch keine großartige Aussicht geboten ist, so hat man doch immer ein belebtes Bild.
Ich verbrachte meine Zeit damit, daß ich dem englischen Consul einen Besuch machte, um seine herrliche Sammlung von Antiken u.s.w. zu besehen. Er empfing mich sehr freundlich und hatte, wie er sagte, aus der "Times" schon mein Kommen über Brindisi erfahren. Sodann suchte ich den Archidiakon Farentini auf, der die Bibliothek unter sich hat, in der sich nebenbei ebenfalls ein kleines archäologisches Museum befindet, welches einzelne hübsche Sachen, z.B. ein prachtvolles Lacrimale[31] und interessante Broncestatuetten enthält. Bei der Gelegenheit zeigte er mir auch eine höchst merkwürdige Vase, welche sich im Reliquien-Schreine des Doms befindet, von so feinkörnigem Granit, wie ich ihn nie gesehen. Sie soll durch Kreuzfahrer aus Palästina gekommen sein, so sagen die ältesten Chroniken. Ob sie, wie Pater Farentini behauptet, phönicischen Ursprunges ist, wage ich nicht zu bestätigen. Nach dem Volksglauben ältester Zeit soll dies dieselbe Vase sein, in der Jesus Wasser in Wein verwandelt hat. Pater Giov. Farentini fügte aber hinzu: "Ich für meinen Theil halte sie nur werth als ein höchst interessantes Kunstwerk, die damit verknüpfte heilige Legende überlassen wir dem Volke." Ein liebenswürdiger alter Mann, dieser Domherr, der sich ein über das andere Mal selbst besegnete (benedetto io), daß er meine Bekanntschaft gemacht habe. Am nächsten Tage wollte er mir noch einige Merkwürdigkeiten in der Stadt und Umgegend zeigen, obschon Brindisi in dieser Beziehung sehr arm ist.
Nur langsam erholt sich diese einst so wichtige Stadt, welche im Alterthum über 100,000 Einwohner, jetzt kaum 10,000 Seelen hat.
Strabo, welcher ausführlich von dieser alten Stadt handelt, sagt[32]. Brundusium soll, wie gesagt wird, eine Colonie der Kreter sein, die mit dem Theseus aus Knossus dahin kamen. Sodann lobt Strabo den Hafen der Stadt, nach ihm ungleich besser als der Tarents, und fügt hinzu, dieser, wie es dem Anscheine nach aussieht, einzige Hafen theilt sich inwendig in eine Menge kleinerer Busen, so daß der gesammte Hafen die Gestalt eines Hirschkopfes bekommt, daher die Stadt auch ihren Namen erhalten haben soll, denn in der Sprache der Messapier heißt ein Hirschkopf Brundusium.
Brundusium ist auch nach Strabo der gewöhnliche Hafen, aus dem man ausfährt, wenn man nach Griechenland oder Asien übersetzen will, und alle Griechen und Asiaten landen auch hier, wenn sie Rom sehen wollen. Brundusium gilt als Geburtsstätte des Tragödiendichters Pacuvius, und Virgil ist hier gestorben.
Mit dem Zusammensinken des römischen Reiches hörte die Blüthe der Stadt aus, natürlich weil der Verkehr zwischen Morgenland und Abendland stockte. Und als dann zur Zeit der Kreuzzüge auf einmal wieder ein lebhafter, wenn auch feindlicher Zusammenstoß zwischen Occident und Orient stattfand, hob sich Brundusium rasch wieder und erlangte eine Einwohnerzahl, die auf 60,000 Seelen veranschlagt wird. Kaiser Barbarossa bevorzugte namentlich den Hafen und er ist auch der Erbauer des Castells. Mit dem Falle Jerusalems, mit der Beendigung der Kreuzzüge hing auch der Verfall Brundusiums zusammen.
Erst jetzt, wo Brindisi wieder Hauptausgangspunkt und Ankunftsort für Abendland und Morgenland geworden ist, hebt sich die Stadt wieder. Da aber jetzt die diese Straße Ziehenden bei Weitem nicht so lange im Hafen weilen wie im Alterthum, so ist der Aufschwung der Stadt ein viel langsamerer. Aber Brindisi wird jedenfalls, wird diese Linie beibehalten, immer eine gewisse Wichtigkeit bewahren.
Die Stadt selbst macht auch nur einen sehr dürftigen Eindruck; zwar sind die Straßen mit herrlichen Quadern gepflastert, aber meist sehr schmal, die Häuser zum größten Theile einstöckig, und dann macht es einen höchst traurigen Eindruck, daß so viele Bauten unvollendet gelassen, zum Theil schon wieder Ruine geworden sind. Was war die Ursache davon? Hatte man kein Geld, keine Lust zum Weiterbauen? Aber wie erquickt Einen das herrliche Grün, wie lächeln Einem die allbekannten Opuntien und langblätterigen Aloës zu, wie bekannt und heimisch winkt der hohe Palmbaum! Dazu das lebendige Treiben auf der Straße. Die wirklich madonnenhaften Antlitze der jungen Mädchen, denn eine durchweg schöne Bevölkerung ist in Apulien und namentlich der weibliche Theil, ist fast durchaus schön zu nennen.
Und so wie es ist muß es auch sein; ich möchte nichts von dem wissen, wie wir uns Italien seit jeher vorgestellt haben und wie es in der That ist. Da scandalirt man über den Schmutz[33] der neapolitanischen Bevölkerung, über die shocking Nacktheit der dort herumlaufenden, herumkriechenden Kinder, aber man mache einmal aus Neapel eine nach holländischer Art abgewaschene Stadt—und Neapel ist nicht mehr Neapel.
Ein ununterbrochener Regen goß herab, auf der Post fand ich einen Brief von Ernst[34], dem an der Grenze die Patronen confiscirt waren, der sonst aber wohlbehalten mit Taubert[35] in Triest angekommen war. Auch Jordan[36] schrieb von dort vom 20.: er sei mit Remelé[37] und drei Dienern in Triest angekommen, habe meine beiden Diener gefunden und Freitag Nachts hätten sie sich an Bord begeben. Zittel[38] und Schweinfurth[39] könnten nun möglicherweise am selben Abend noch hierher kommen, wenn sie nicht auch die Route Triest genommen hätten; am Abend vorher hatte ich sie vergebens erwartet.
Als ich meine Briefe postirt hatte, legte sich der Platzregen, welcher den ganzen Morgen mit ununterbrochener Wuth herabgeströmt war, und bald darauf erschien der Archidiakon Farentini, um mich abzuholen. Er zeigte mir zuerst eine höchst merkwürdige Kirche, eine sehr alte Baute, die ursprünglich frei angelegt, später durch den Ueberbau einer anderen Kirche zu einer Krypta gemacht und jetzt wieder durch Hinwegräumung des umgebenden Terrains eine überirdische Kirche geworden ist. Sie rührt aus dem 5. oder 6. Jahrhundert her. Sodann gingen wir nach einer Rotunde, einer Ruine, von der die Reisebücher behaupten, sie sei als christliche Kirche gebaut, was indeß keineswegs erwiesen ist. Jedenfalls rühren die Säulen, die Capitäler von verschiedener Ordnung von alten römischen oder griechischen Tempeln her. Es war mittlerweile dunkel geworden und wir verabschiedeten uns von einander.
Bei meiner Nachhausekunft fand ich Zittel und Ascherson vor. Sie waren beide über Rom und Neapel Nachmittags in Brindisi eingetroffen und Ascherson hatte den kurzen Aufenthalt schon benutzt, um zu botanisiren; ganz mit Pflanzen beladen kam er nach Hause. Wir dinirten noch gemeinschaftlich und gingen dann um 7 Uhr an Bord. Zuerst hatten Noël und ich, Ascherson und Zittel je eine Cajüte für uns, als aber dann in unsere Cabinen noch fremde Leute hineingesteckt wurden, tauschten wir derart, daß wir Vier zusammenkamen. Ich konnte die Nacht gar nicht schlafen, die Betten waren sehr hart und schmal und gegen Morgen entstand ein Höllenlärm, denn um 3 Uhr kam ein Londoner Expreßtrain, den auch Schweinfurth benutzt hatte, von Bologna und um 8 Uhr Morgens kurz vor Frühstückszeit, als wir auf dem Deck erschienen, waren wir schon en route; es war köstliches Wetter, das Meer leicht gewellt, was aber dem sehr großen Dampfer keine Bewegung verursachte.
Um 10 Uhr Morgens fuhren wir bei der griechischen Stadt Navarin vorbei; auch an dem Tage herrliches Wetter, wenn auch etwas trüber. Je mehr wir nach dem Süden kamen, desto milder wurde die Lufttemperatur und Abends hatten wir immer das schönste Meerleuchten, und die Zeit wäre gewiß so angenehm wie möglich vergangen, wenn nicht Regenwetter eingetreten wäre, welches uns nöthigte unter Deck zu bleiben. Die letzten beiden Tage hatten wir sogar Sturm; Zittel und Ascherson waren seekrank, Schweinfurth, Noël und ich hielten uns vortrefflich; aber Zittel mußte einen ganzen Tag im Bette liegen, da er sich stark erkältet hatte und heftige Halsschmerzen bekam. Und doch war es so warm. 20 Grad im Schatten.
Um 12 Uhr Mittags kamen wir in den Hafen von Alexandrien; wir mußten die Quarantäne am Bord des Schiffes bis übermorgen Mittag halten. Alle Sachen waren angekommen und alles Andere war von Menshausen, einem deutschen Kaufmanne, besorgt. Der Vicekönig war in Kairo und v. Jasmund auch, der dort sich augenblicklich mit dem Prinzen von Hohenzollern aufhielt. In Alexandria war projectirt, nur einen Tag zu bleiben, in Kairo drei bis vier, um dann gleich bis Minieh oder Siut (Hauptstadt von Oberägypten am Nil) vorwärts zu gehen.
Welch' bewegtes Leben hier in Skendria oder Alexandria! Wir lagen am Eingange des Hafens auf der Rhede. Rechts der schöne Mex-Palast von Said Pascha, links der Leuchtthurm und der schneeweiße Palast von Mehemed Ali, der Mastenwald, mit der Stadt im Hintergrunde vor uns. In der Ferne ein üppiger Palmenwald: dies das Panorama von unserem Schiffe. Auf dem Schiffe selbst zerlumpte Soldaten mit gelber Schärpe, Abzeichen der Quarantäne. Dafür, daß ich mit Menshausen sprach, kam der wie ein Bänkelsänger aussehende Soldat gleich mit offener Hand auf mich los: "nrid backschisch", "ich möchte Trinkgeld." Er war sehr bedonnert, als ich ihn in arabischer Sprache fragte, wie er dazu käme und mit welchem Rechte er bettele. Natürlich gab ich ihm trotzdem sein Backschisch.
Schweinfurth war wieder hergestellt und Zittel und Ascherson natürlich wie durch Zauber ihrer Krankheit hier im sicheren Hafen überhoben. Mit den übrigen Herren auf dem Lloydschiffe, welches auch gekommen war und einen Flintenschuß weit von uns lag, tauschten wir, sobald wir uns durchs Fernrohr erkannten, laute Hurrahrufe aus und später kamen Jordan und Remelé herüber, um uns (natürlich immer in respectvoller Distance, da sie fünf, wir aber nur zwei Tage Quarantäne halten sollten) zu begrüßen. Die Armen mußten darauf aber das Schiff verlassen, um am Lande die Quarantäne abzuhalten. Das ist langweilig und kostspielig für sie; aber amüsant mußte es ihnen sein, die zahlreichen Pilger zu beobachten, welche, an dem Tage von Marokko kommend, ein englischer Dampfer gebracht hatte, etwa 1000 an der Zahl. Das war ein sonderbarer Anblick; ein bunteres Bild konnte man kaum sehen, als sie in kleinen Barken zu 8-10 Mann nach dem Quarantäne-Gebäude geschafft wurden. Aber bunt kann man eigentlich nicht sagen, weil alle entweder in einem schmutziggrauen, schmutzigbraunen oder schwarzen Burnus eingewickelt waren und offenbar die schlechtesten Gewänder trugen, die sie überhaupt in ihrer Heimath von ihren Angehörigen hatten auftreiben können. Wie merkwürdig, daß sich dieser Pilgerzug mitten durch die civilisirtesten Länder und Völker hindurch immer noch erhält, denn eine Abnahme des Pilgerns ist wohl kaum zu spüren. Und wie merkwürdig, daß die christlichen Engländer es heute unternehmen, die fanatischen Gläubigen zu ihrer heiligen Stätte zu führen. Auf der einen Seite geben sie jährlich Hunderttausende von Pfund Sterling aus, um dem Umsichgreifen des Islam durch christliche Missionen ein Ziel zu setzen, auf der anderen Seite leisten sie demselben Vorschub dadurch, daß sie das Pilgern erleichtern, denn es kann nicht geläugnet werden, daß die jährlichen Zusammenkünfte am Berge Ararat und beim schwarzen Steine in Mekka die Mohammedaner zu immer neuem Fanatismus anfachen. Das ist bei den mohammedanischen Pilgerfahrten so gut der Fall, wie bei den katholischen. Uebrigens Angesichts unserer eigenen Pilgerreisen inmitten des civilisirten Europa ist es kaum erlaubt, darüber zu staunen; denn dem Unparteiischen muß es schließlich einerlei sein, ob er in Nordafrika dumme Schafheerden nach Mekka strömen sieht, oder solche von Frankreich, von Belgien, vom Rhein aus auf dem Wege nach Rom erblickt. Hier sowohl wie dort wird Dasselbe erstrebt: In Mekka wie in Rom ist für den Hohenpriester die Hauptsache, Geld zu bekommen, für die Pilger, sich Verdienste und Vergebung der Sünden zu erwerben. Einen Unterschied vermögen wir absolut nicht zu finden. Dummheit und Aberglaube sind bei den Mohammedanern wie Christen die Triebfedern.
Langeweile hatten wir an Bord nicht; die Passagiere waren noch fast alle geblieben, nur die India-Reisenden gingen am selben Tage mit einem direct nach Suez gehenden Zuge ab. Ein solcher Quarantäne-Zug wird verschlossen, darf nirgends halten und ohne Aufenthalt geht es in Suez wieder an Bord. Der Hafen ist ungemein belebt; Dampfer kommen und gehen; einige, die von inficirten Häfen kommen, werden mit der gelben Flagge, dem Abzeichen, daß sie in Quarantäne sind, geschmückt; andere, die aus gesunden Häfen ausgelaufen sind, bleiben ohne gelbes Abzeichen und dürfen gleich mit der Stadt communiciren.
Endlich schlug die ersehnte Stunde: zwei Cavassen vom Generalconsulat kamen an Bord, und uns und unsere Sachen einladend ging es fort und bald darauf hielten wir vor Abbat's Hôtel, an einem der schönsten Plätze Alexandriens gelegen. Ich ging zuerst zu Menshausen und dann auf's Consulat. Herr v. Jasmund empfing mich sehr freundlich. Für den Abend war ich mit allen meinen Begleitern zum Essen auf's Consulat geladen.
Jordan und Remelé waren gestern Abend auch noch aus der Quarantäne befreit werden, welche also keineswegs so streng beobachtet und gehalten wurde, wie ursprünglich war angeordnet worden, und so waren wir denn Alle vereint im Hôtel Abbat, wo wir zum ersten Male erfahren sollten, mit ägyptischen Preisen zu rechnen. Allein für die Diener mußte ich täglich 40 Frcs. ausgeben. Im Uebrigen konnte man mit den Zimmern, dem Essen und der Bedienung zufrieden sein, obschon die Hôtels in Alexandrien nicht so gut sind, wie die in Kairo, da in der Hafenstadt die Passagiere nur ein bis zwei Tage zu bleiben pflegen, wogegen sie in Kairo manchmal Monate lang weilen.
In Alexandria wurde meine ganze Zeit durch geschäftliche Angelegenheiten in Anspruch genommen. Nur Abends hatten wir Ruhe, uns an einem Glase Bier zu erlaben.
Bei unserer demnächstigen Abreise von Alexandrien war am Schalter wieder eine entsetzliche Wirthschaft: Es ist unglaublich, mit welcher Gemüthsruhe der Billeteur die sich drängenden und ungeduldigen Reisenden am Schalter abfertigt. Werden sie gar zu lästig, hört er einige "goddam" oder "au sacre nom de Dieu" oder Kreuz-Millionen-Donnerwetter, dann entfernt er sich für fünf Minuten, nimmt eine Tasse Kaffee, um mit neuen Kräften dem Publicum entgegentreten zu können. Endlich war an mich die Reihe gekommen, ich hatte meine Billets, die Bagage wurde eingeschrieben und bald darauf ging's fort. Da Ascherson, Jordan und Remelé noch zurückblieben, um mit einem anderen Zuge nachzufahren, so lud Herr v. Jasmund uns ein, in sein Coupé zu steigen. Die Generalkonsuln in Alexandrien bekommen jedesmal ein eigenes Coupé, wenn sie reisen.
Ich unterlasse es, über die Fahrt auch nur ein Wort zu sagen, doch muß ich erwähnen, daß wir in Kassar Sayet, beim Uebergange des linken Nilarmes, mit Nubar Pascha, der von Kairo nach Alexandria fuhr, zusammenkamen und demselben vorgestellt wurden. Eigenthümlich, ich hatte mir den Mann ganz anders gedacht, mehr diplomatenmäßig, d.h. wie bei uns die Staatsmänner auszusehen pflegen. Damit will ich aber keineswegs sagen, daß Nubar eine gewöhnliche Physiognomie habe, im Gegentheil, namentlich sein Auge ist wunderschön. Im Französischen drückt er sich gewandt aus. Er theilte uns mit, der Vicekönig wünsche der Expedition einen so wenig officiellen Anstrich wie möglich zu geben und deshalb müßten wir von einer militärischen Escorte abstehen. Dahingegen garantire er absolute Sicherheit der Gegend zwischen dem Nil und den Uah-Oasen. Die Unterredung dauerte nur kurze Zeit, da die Züge bald darauf wieder abfuhren. Mir war nichts angenehmer, aus der lästigen Escorte ledig zu sein. Wie ich denn überhaupt bemerken muß, daß der Gedanke einer militärischen Begleitung keineswegs von mir, sondern ursprünglich vom Chedive selbst ausging und zwar so gestellt wurde, daß ich glauben mußte, dem Chedive sei daran gelegen, eine militärische Bedeckung mitzugeben.
Mit dem Zuge, den wir benutzten, erreicht man Kairo in fünftehalb Stunden. Um 1 Uhr waren wir denn auch angelangt, nachdem schon längere Zeit vorher die Pyramiden, die Gräber der Chalifen, die schlanken Minarets der Mohammed-Ali-Moschee ihren Willkommengruß uns entgegen gesandt hatten.
Angekommen, begaben wir uns sogleich ins Nil-Hôtel, nachdem ich vorher vergeblich versucht hatte, die Diener in einem billigeren Hôtel unterzubringen. Nachmittags besuchten wir das Consulat, fanden aber, daß unser deutscher Viceconsul Travers auf einer Tour nach Minieh war, um den Prinzen von Hohenzollern dorthin zu begleiten. Abends waren wir im Theater und hörten die "Aida" von Verdi, welche in dieser Saison zum ersten Male aufgeführt wurde. Wer hätte nicht von den Wundern gehört, welche der Chedive durch Zaubergewalt in seiner Hauptstadt seit Jahren entstehen läßt? Wenn auch nicht alle gleich an Pracht, wie solche bei Eröffnung des Suez-Kanals dem Auge sich darbot, zeigen doch die Werke, welche der Vicekönig seitdem nach und nach ins Leben rief, um die Freuden des Lebens durch Kunstgenüsse zu erhöhen, einen derartig großen Anstrich, daß es sich wohl verlohnt, dabei zu verweilen.
Einen Lieblingsgedanken, eine Oper zu besitzen, verwirklichte Ismael Pascha bald, nachdem die Feierlichkeiten der Kanaleröffnung vorüber waren, indem er auf dem prächtigen Esbekieh-Platze ein Gebäude mit Allem, was dazu gehört, für eine italienische Oper herrichten ließ. Um dasselbe würdig einzuweihen, veranlaßte er den Maëstro Verdi, eigens eine Oper dafür zu componiren. Den geschichtlichen Stoff lieferte Mariette, die literarische Redaction besorgte Ghislanzoni.
Präcis 8 Uhr begann man mit der Ouverture, welche von einem vollkommen eingeübten Orchester meisterhaft vorgetragen wurde. Ebenso tadellos war die ganze Aufführung. Sänger und Sängerinnen sind durchweg ersten Ranges, namentlich der Tenor (Radames) Sigr. Fancelli, von einer Stärke und Höhe der Stimme, wie man ihn gewiß selten an einer der größten Bühnen Deutschlands findet. Was die Sängerinnen anbetrifft, so waren dieselben in der Saison nur aus Deutschland recrutirt, die Aida wurde von Fräulein Stolz, Amneris von Fräulein Waldmann repräsentirt. Beide waren in ihrer Art vorzüglich.
Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß man bei der Costümirung auf größte Genauigkeit gesehen hat, um Kleidung und alte Gegenstände so herzustellen, wie sie durch die Aegyptologen uns bekannt und wie sie uns in den Museen aufbewahrt sind. Dazu ist Alles mit einer Pracht hergerichtet, wie es eben nur ein Fürst zu leisten vermag, dessen Mittel fast unbeschränkt sind.
Was das Sujet anbetrifft, so ist es der ägyptischen Geschichte entnommen. Aegypten und Abessinien liegen seit Jahren in Krieg miteinander. Der Feldherr des Königs von Aegypten, Namens Radames hat die Tochter des äthiopischen Königs Amonasro, Namens Aida, gefangen genommen, er giebt sie der Tochter seines ägyptischen Königs, Namens Amneris, zur Sclavin. Radames verliebt sich aber in Aida und wird von Aida wieder geliebt. Später wird der äthiopische König Amonasro auch noch gefangen genommen. Amonasro und Aida finden sich wieder, Beide, Vater und Tochter, Gefangene am ägyptischen Hofe. Man begnadigt Beide und will sie ziehen lassen. Amonasro aber überredet seine Tochter, die Liebe Radames' zubenutzen, um ihn über einen Kriegsplan auszuforschen; sie weicht endlich den Bitten des Vaters und Radames widersteht nicht dem Flehen der Aida. Er fängt an, den Plan zu verrathen, aber gerade in dem Momente kommt Amneris hinzu. Radames flieht nicht, er klagt sich selbst an, die Königstochter überliefert ihn aus Eifersucht den Priestern, er wird zum Tode verurtheilt und kann dann trotz der bitteren Reue der Amneris nicht gerettet werden. Lebendig in einem Grabe eingemauert, theilt Aida freiwillig sein Loos.
Eine solche Aufführung, wie sie in Kairo Statt hatte, muß selbst den verwöhntesten Geschmack befriedigen. Die Musik freilich wird wohl nicht überall Beifall finden. Die Freunde der Harmonie werden sagen, es sind zu viel Wagner'sche Anklänge vorhanden, die Wagnerianer werden die Musik zu dünn und zu wenig überwältigend finden. In der That ist Verdi bei dieser Composition ganz aus seiner Rolle gefallen. Der Componist des "Ernani", des "Trovatore" hat sich im Wagnerianismus versuchen wollen, aber nichts als zwangvolle Sätze sind entstanden, welche das Publicum kalt lassen.
Die innere Einrichtung des Opernhauses ist reizend. Die Bühne ist verhältnißmäßig groß, ebenso der Orchesterraum. Links hat der Chedive eine Prosceniumsloge, die gleich hoch allen Logenreihen ist, darunter eine kleine dicht am Orchester. Rechts ist die chedivische Haremsloge, durch ein so feines Eisengitter verschleiert, daß die Meisten glauben, dies weiße Gewebe seien Tüllgardinen, aber in der That besteht es aus dem feinsten Eisendraht. Daran schließen sich vier andere, ähnlich verschleierte Logen, für andere Haremsdamen hoher Würdenträger.
Das Opernhaus hat vier Logenreihen übereinander. Im ersten Stock, also parallel mit den Logen ersten Ranges, befindet sich ein großes und fürstlich eingerichtetes Foyer, zugänglich für Jedermann. Daneben sind Restaurationslocale, die man übrigens auch unten findet.
Zu der Zeit wurde das Opernhaus erheblich vergrößert, weil die damaligen Räume zur Aufbewahrung der Decorationen keineswegs genügten.
Am folgenden Tage wurden wir um 10-1/2 Uhr zum Vicekönige befohlen; wir holten Herrn v. Jasmund ab. Der Vicekönig residirt in einem neuen Palais im neuen Stadttheile Ismaelia. Nach wenigen Vorstellungen, die zwischen Ali Pascha, dem Ceremonienmeister und dann einem Anderen, der der Großsiegelbewahrer ist, stattfanden, führte man uns die Treppe hinauf, wo wir oben vom Vicekönige empfangen wurden. Aus dem großen Saale führte er uns in ein kleines Zimmer. Die Unterhaltnng drehte sich natürlich nur um die Expedition. Zuerst aber, nachdem wir vorgestellt waren, hielt Herr v. Jasmund einen kleinen speech, worin er dem Vicekönige dankte für das, was er für die wissenschaftliche Expedition gethan. Dann erwiderte der Vicekönig, wie glücklich er sich schätze, mit solchen Leuten eine solche Expedition organisiren zu können, und dann stattete ich meine Grüße ab und dankte im Namen des Kaisers und Königs. Als ich dies sagte, erhob sich der Chedive von seinem Platze, aus Ehrfurcht vor dem Namen Sr. Majestät und Sr. Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen.
Hierauf war lange Unterhaltung (die Audienz dauerte 3/4 Stunden) über die Expedition und hierbei beklagte sich der Vicekönig bitter über Bakers Expedition, der unnütz Menschenblut vergossen und für Abschaffung des Sclavenhandels nichts gethan habe. Diese vom Vicekönige gesprochenen Worte bekräftigten also in der That, daß Sir Samuel gar nichts erreicht hat, daß seine Expedition vielmehr nach der Aussage des Chedive nur unheilvoll wirkte. Ich begriff nun auch, warum die ägyptische Regierung meiner Expedition so wenig officiellen Charakter, wie möglich, geben wollte. Gegen Samuel Baker scheint der Chedive jedoch sich ganz anders geäußert zu haben; wenigstens lesen wir in Bakers "Ismailia", daß der Chedive seine Dienste durch die Verleihung des Osmanieh-Orden belohnte, und daß Baker selbst meint, sein fester Glaube auf die Unterstützung der Vorsehung sei nicht unbelohnt geblieben, also seine Aufgaben für gelöst hielt. Das kann ich bestätigen, daß der Chedive keineswegs gesonnen schien, die Baker'sche Expedition aufzugeben, sondern in Colonel Gordon einen würdigen Mann fand, der da wieder anknüpfte, wo Baker sein Unternehmen abgebrochen hatte.
Der Vicekönig, 1830 geboren, also jetzt 45 Jahre alt, hat eine gedrungene Gestalt, ein sympathisches Gesicht, freundliche Augen, im Ganzen ein sehr intelligentes Aeußere. Jedenfalls, nach seiner Physiognomie zu schließen, ein Mann, der mehr liebt, das Gute zu thun, als das Böse.
Als wir uns verabschiedet hatten, begab ich mich mit v. Jasmund nach seinem Hôtel, um noch einige Punkte wegen des Dampfers, der Kamele &c. zu präcisiren und zu Papier zu bringen.
Darüber war es Mittag geworden. Nach Tische kam Jasmund, mich abzuholen zu einem Besuche bei Hussein Pascha, dem zweiten Sohne des Vicekönigs, der den öffentlichen Arbeiten vorsteht. Es handelte sich nämlich darum, die Papiere bezüglich des Nivellements der Eisenbahnstrecke von Siut zu bekommen, damit wir bei unserem Vorgehen von diesem Punkte eine bestimmte Basis hätten. Hussein wohnt auf der Kasbah und im selben Palais oder Harem, in welchem der große Mohammed Ali sein Leben ausgehaucht hat. Ein großartiges Gebäude von colossalen Dimensionen, dessen Bel-Etage ein immenses Kreuz bildet, derart, daß 1 das Audienzzimmer, 2 den Saal und 3, 3, 3 noch andere Zimmer umfassen. Wie im chedivischen Palaste, war auch hier Alles auf's Geschmachvollste, auf's Reichste und ohne Ueberladung decorirt. Aber die Kasbah hat nicht nur diesen einen Palast, sondern es ist dies ein Complex von Forts, Schlössern und Moscheen. Da ist z.B. das Palais, in dem der Vicekönig die Beiramsfestlichkeiten abhält, da ist vor Allem die ganz aus Alabaster, oder besser gesagt, aus ägyptischem Marmor erbaute Moschee Mehemed Ali's.
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Mögen nun auch die Architekten sagen, was sie wollen, mögen sie behaupten, diese Bauten zeigen keinen bestimmten Stil, mögen sie glauben, die Minarets seien im Verhältnis zu ihrer bedeutenden Höhe zu dünn oder zu wenig umfangreich, es steht fest, daß gerade diese Moschee eine der Hauptzierden Kairos ist, daß man ohne sie sich Kairo nicht mehr vorstellen könnte. Und in ihren einzelnen Theilen wie im Ganzen kann man sie nur schön nennen, im Innern, wie im Aeußern. Nur der häßliche Uhrthurm auf der Westfaçade des Hofes, aus Holz erbaut, paßt nicht zum Ensemble. Wir besuchten natürlich auch das Innere, es wurden uns die obligaten Schuhe übergezogen, aber ich merkte einen Fortschritt, sie waren nicht wie früher aus Stroh, sondern aus Tuch und wurden festgebunden durch Bänder.
Eine stark vergitterte Abtheilung wurde mir gezeigt und gesagt, es sei das der Ort, wo eventuell der türkische Sultan seinen Sitz nähme; dies scheint mir problematisch, ich glaube vielmehr, es ist eine Einrichtung für den Harem.
Nachdem wir dann die unvergleichlich schöne Aussicht von dem Punkte aus genossen hatten, wo beim Massacre der Mameluken einer derselben sich durch einen kühnen Sprung in die Tiefe gerettet haben soll, ein Punkt, von welchem aus man die Stadt, die Gräber der Chalifen, das rothe Gebirge (Gebel ahmer), das Mokhatan-Gebirge, die Pyramiden, den Nil, ein großes Stück des üppigen Nil-Delta und die unendliche Sahara überblickt, ein Punkt, von dem aus man das vollkommenste Bild über Aegypten gewinnt, wo man den Charakter dieses Landes mit einem Blick überschauen kann—nachdem wir dies in uns aufgenommen, stiegen wir zur Hassan-Moschee, am Fuße der Kasbah gelegen, hinab.
Die Hassan- Moschee gilt überall als die schönste Moschee von Kairo und doch keineswegs mit Recht. Die Großartigkeit der Steinmauern bestreite ich nicht, aber die schon zugeschnittenen Quadern wurden von den Pyramiden entnommen. Die Zartheit, das Kühne des Tropfsteingewölbes, das Unglaubliche der Stalaktiten-Kuppeln gebe ich gern zu, aber das Material dazu ist von Holz, und mit Widerwillen fast wird man hier an das Vergängliche, an das Unsolide aller maurischen Bauten erinnert. Dazu kommt, daß diese Holz-Stalaktiten-Bauten derart vernachlässigt und zerfallen sind, daß alle Schönheit schon zu Grunde gegangen ist.
Was aber für den mit der religiösen Geschichte der Mohammedaner Vertrauten ungleich mehr auffällt, ist der Grundriß der Moschee. Bis jetzt hat noch kein Architekt darauf aufmerksam gemacht. Im gewöhnlichen Stil besteht nämlich jede Moschee aus zwei Körpern: dem bedeckten, nach Osten gerichteten Theile, aus manchmal vielen Säulenhallen bestehend, und dem unbedeckten Hofe im Westen, beide in der Regel viereckig. Die Hassan-Moschee aber hat im Hofe als Grundriß ein vollkommenes Kreuz. Wenn man weiß, wie furchtbar der Moslim Alles haßt, was nur irgendwie an die Form des Kreuzes erinnert, so muß man sich wundern, daß dies hier so prägnant zum Ausdruck gekommen ist. Jedenfalls ist es unbewußt geschehen, denn der uns begleitende Priester gab mir den Schlüssel dazu folgendermaßen: Jeder der Kreuzflügel, welche, beiläufig gesagt, überwölbt sind, dient zur Aufnahme der Anhänger der vier rechtgläubigen Bekenner, so daß in dem einen die Malekiten, im anderen die Schaffeïten, im dritten die Hambaliten, im vierten die Hanesiten Platz finden. Sultan Hassan liegt in der Moschee begraben und rund um sein Grab sieht man die unvertilgbaren Spuren von Blutlachen, Zeugen der Ermordung von Mameluken, welche sich beim Massacre in die Moschee geflüchtet hatten.
Hiernach begleiteten wir v. Jasmund nach Hause und fuhren, Zittel und ich, sodann zu Mariette Bei, dem Director des Bulac-Museums, fanden ihn aber nicht zu Hause. Das Museum konnten wir auch nur sehr flüchtig besehen, da es dunkel wurde.
Nach dem Essen gingen die Anderen noch etwas spazieren, ich schrieb, machte auch einen Gang auf die Esbekieh und hiernach trafen Zittel und ich uns wieder im Nil-Hôtel. Wir saßen Abends noch lange im Mondschein, der Mond stand hoch, fast im Zenith über uns. Die blühenden, wie Heliotrop duftenden Akazien, die milden Lüfte, Alles war zauberisch schön. Solche duftende ruhige Nächte giebt es nur in Nordafrika, wo die Nächte Winters und Sommers sich fast stets durch absolute Windlosigkeit der Atmosphäre auszeichnen.
Ein wichtiges Geschäft war dann noch abzuwickeln, nämlich gute Diener zu engagiren. Eine gewisse Erleichterung gewährte Kairo in sofern, als alle unbeschäftigten fremden Leute, alte und junge, in der Stadt einem Schich unterstehen, der, so lange sie in Kairo sind, für ihr Betragen der Polizei haftbar ist. Dieser Schich besorgte mir sodann Leute, so viel ich brauchte, und da außerdem die Polizei sich noch drein mischte, konnte ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, gute und brave Leute engagirt zu haben. Gleich von vornherein kann ich dies auch hier bestätigen, denn im Ganzen hatten wir recht treue Diener; und wenn selbst der fromme Doctor der Theologie, welcher Prof. Ascherson's Diener war, diesen so unverschämt betrog, so folgte er wohl nur religiösen Motiven oder glaubte vielmehr seine Betrügereien durch den Mantel der Religion bedecken zu können. Ein alter Diener, den ich in Tripolis aus der Sclaverei befreit und über Cyrenaica und Siuah hierher gebracht hatte, fand mich hier wieder. Es war rührend, als er kam, mir die Hand küßte, weinte und mir das Certificat zurückstellte mit den Worten: "Jetzt brauche ich es nicht mehr, jetzt habe ich Dich wiedergefunden."
Nachdem viele Einkäufe besorgt waren, gingen wir sodann zur Sitzung des Institut d'Égypte, wo man uns zu Ehren eine Versammlung anberaumt hatte. Da waren alle Notabilitäten der Wissenschaft Aegyptens vertreten. Mariette Bei, der berühmte Aegyptolog, präsidirte. Die Sitzung war in einem Saale des Ministeriums des Innern. Nach einer einleitenden Rede und nach Verlesung des procès verbal der letzten Verhandlung verlas ich eine Rede in französischer Sprache. Es war recht feierlich, v. Jasmund war auch da und Schweinfurth von Alexandrien herüber gekommen.
Nach diesem kurzen Aufenthalte in Alexandrien und Kairo wurde Siut erreicht, von wo die eigentliche Expedition beginnen sollte. Aber gleich beim Beginne stellten sich die Schwierigkeiten bedeutend größer heraus, als man vermuthet hatte, denn es galt, die Kamele mit Futter zu beladen, da man sich Angesichts einer absolut vegetationslosen Wüste befand. Nachdem die Bohnen, welche zu einer Reise von zwanzig Tagen nothwendig wurden, an Ort und Stelle waren, traten wir am 18. December den Marsch in die Wüste an. Dieselbe offenbarte denn auch gleich an den ersten Tagen ihre ganzen Schrecken und Gefahren, denn man befand sich in der trostlosesten Einöde. Allerdings nicht so vegetationslos, daß nicht hier und da noch einige Kräuter gesproßt hätten, aber keineswegs so krautreich, daß man darin hätte Kamele weiden können.
Nur dieser Theil der Sahara, die sogenannte Libysche Wüste, kennzeichnet sich durch eine so außerordentliche Armuth an Pflanzen, denn in der ganzen übrigen Sahara nehmen Karawanen nie Futter für die Kamele mit, sondern die Thiere begnügen sich mit dem, was sie unterwegs finden. Nur südlich von Tedjerri in Fessan hat man auch ein Terrain zu durchziehen, wo man für einige Tage Datteln als Kamelfutter mitzunehmen pflegt.
Wir erreichten dann zunächst die kleine Oase Farafrah, keineswegs dem Nil zunächst gelegen, im Gegentheil, sie ist von Sinah am Nil die entfernteste. Aber ich hatte diesen Weg vorgezogen, weil er ein vollkommen neuer, noch nie von Europäern begangener war. Das Erscheinen einer so großen Karavane, 100 Kamele und circa 80 Mann, rief natürlich die größte Angst, der alsbald das Staunen folgte, bei den Eingeborenen hervor, aber als sie schnell gewahr wurden, daß wir in friedlicher Absicht gekommen waren, etablirte sich ein leidliches Verhältniß zwischen uns, soweit der Fanatismus der Bewohner es gestattete.
Sodann mußten wir nach einigen Tagen uns nach Dachel wenden, da wir in Farafrah weder für uns noch für unsere Kamele Vorräthe auftreiben konnten. Wir folgten derselben Route, welche vor uns Cailliaud gezogen war, und erreichten nach einer Woche diese freundlichste aller Uah-Oasen. Und so freundlich uns die Landschaft und der Hauptort Gasr entgegenlachten, so zuvorkommend wurden wir hier auch empfangen von der Behörde und der ganzen Bevölkerung. Erwähnen muß ich allerdings, daß die Farafrenser über unsere Ankunft noch nicht unterrichtet waren, als wir dort eintrafen, in Dachel hingegen die Behörde von Siut aus schon instruirt war, uns freundlich aufzunehmen.
Aber auch hier in Dachel waren die Vorräthe nicht so reichlich, wie man uns es vorgespiegelt hatte, und ich war gezwungen, nach Siut zurückzusenden, um sechzig neue Kamelladungen Bohnen kommen zu lassen. Aber ehe dieselben eintrafen, vermochte ich Prof. Jordan, vorauszugehen. Freilich hatte er mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber als dann Zittel auch bald nachrücken konnte, wurde abermals weiter vorgegangen und die Expedition erreichte fast den 27° O.L. v. Gr. und blieb vor einer mächtigen, von Norden nach Süden streichenden Düne liegen. Hier fand ich dieselbe lagern, als ich selbst nach einiger Zeit dort eintraf.
Eine Recognoscirung, die Zittel zu Fuße schon vorher gemacht hatte, eine andere, die ich selbst mit Prof. Jordan unternahm, stellte nun zur Evidenz heraus, daß an ein weiteres Vorgehen nach Westen nicht zu denken sei. Wir befanden uns Angesichts eines Sandmeeres, welches aus 100-150 Meter hohen Sandketten mit steilen Böschungen bestand. Die Zwischenräume zwischen diesen Sandketten waren ebenfalls mit Sand bedeckt, zeigten kein nacktes Gestein. Es traten nun zwei entscheidende Gründe ein, die uns zwangen, von weiterem Vorgehen nach Westen abzustehen. Erstens waren es die hohen, von Norden nach Süden ziehenden Dünen, welche zu jeder Uebersteigung mehrere Stunden nöthig machten und wodurch wir sodann höchstens per Tag 20 Kilometer hätten vordringen können mit der gewissen Aussicht, nach acht Tagen sämmtliche Kamele todt oder "batal"[40] gehabt zu haben. Zweitens war es unmöglich, im Sandmeer Wegzeichen zu errichten; der geringste Samum würde sie umgeweht haben; mithin war eine weitere Depôtbildung, die unumgänglich nothwendig war, sowie eine constante Verbindung mit dem Hauptdepôt Dachel nicht zu ermöglichen.
Sobald daher das Unausführbare, Kufra von Westen aus mit den uns zu Gebote stehenden Locomobilen zu erreichen, constatirt war, beschlossen wir, mit den Dünen nach Norden zu gehen, um womöglich einen Durchgang, ein Aufhören der Dünen zu finden oder Siuah zu erreichen. Die Dünen hörten nicht auf, wir waren während 14 Tagen stets zwischen hohen Ketten von Sandbergen und legten einen der sonderbarsten Märsche zurück, welche je in Afrika gemacht worden sind. Ohne Führer waren wir, wie das Schiff auf dem Meere, nur dem Compaß vertrauend, angewiesen, der einmal angenommenen Richtung zu folgen. War diese falsch oder wären wir durch die öftere nothwendig werdende Uebersteigung der Dünen zu weit abgekommen, so mußte voraussichtlich Siuah verfehlt werden[41]. Oder wären wir von einem mehrtägigen Samum überrascht worden, so wäre voraussichtlich unser Loos ein noch schlimmeres gewesen, indem wir nur für eine bestimmte Zahl von Tagen Wasser hatten. Ich konnte es überhaupt nur übernehmen, die Karavane nach Siuah zu führen, weil ich dort bekannt war und die Formation der Ufer und die Lage der Seen östlich und westlich von Siuah mir noch vor Augen stand. Ich brauchte deshalb nicht zu fürchten, falls ich zu weit westlich oder östlich herauskäme, unorientirt zu bleiben.
Und glücklich erreichten wir denn auch die Oase des Jupiter Ammon, wo wir bei der Behörde den freundlichsten Empfang fanden. Schon nach wenigen Tagen brachen wir wieder auf, gingen bis Setra zusammen in östlicher Richtung und sodann trennten Zittel und ich uns von Jordan, um wiederum ohne Führer und auf nie begangenem Wege direct nach Farafrah zu gehen, während Jordan mit einem in Siuah gemietheten Führer nach Uah-el-behari ging, um die auf den Karten verzeichneten Behar-bela-ma zu untersuchen.
Farafrah wurde glücklich von uns erreicht, vonwo Zittel sogleich nach Dachel weiter ging, um unseren dortigen um uns in Sorge lebenden Gefährten die Nachricht unserer glücklichen Rückkehr zu übermitteln. Ich selbst blieb noch einen Tag länger in Farafrah und ging dann auf neuem, noch nie begangenem Wege nach Dachel, hauptsächlich um die Gebirgszüge zu durchschneiden, welche wir früher im Westen von unserem ersten Marsche von Farafrah nach Dachel erblickt hatten. In Dachel vereinten wir uns dann nach einigen Tagen zu gemeinsamem Vorgehen über Chargeh nach Esneh, welches wir am 1. April ohne Unfall erreichten.
Ich komme nun auf die Resultate zu sprechen und hebe hervor, daß uns außer der allgemeinen Erforschung der Libyschen Wüste hauptsächlich zwei Punkte als beachtenswerth waren bezeichnet worden: die Untersuchung der verschiedenen Behar-bela-ma und die Depression der Libyschen Wüste.
Ein Bahr-bela-ma von Dachel ausgehend und nordöstlich von Beharieh in das von Ost nach West gerichtete Bahr-bela-ma von Pacho und Belzoni mündend existirt nicht. Es breitet sich zwischen ihnen ein einzig Kalksteinplateau über 300 Meter hoch aus. In der Sitzung des Institut Égyptien hatte ich schon darauf aufmerksam gemacht, daß Bahr-bela-ma in der Sahara nichts ist, als das gleichbedeutende Wort Wadi, das hundertmal vorkommt. Wenn es sich aber durch die geographischen Verhältnisse bestimmt erweisen läßt, daß ein Bahr-bela-ma als eine Längseinsenkung nicht existirt, so ist andererseits durch die geologische Untersuchung des Bodens auf das Schlagendste nachgewiesen, daß der Nil nie in dieser Richtung hat fließen können. Nirgends wurden von unserer Expedition fluviatile Niederschläge, sondern überall nur maritime Bildungen constatirt. Das Bahr-bela-ma als ein continuirliches Thal, oder gar als ein westliches Flußbett des Nil muß daher definitiv aus der Welt geschafft und von den Karten gestrichen werden.
Die zweite zu lösende Aufgabe betraf die Depressionsfrage, ob nämlich die von mir 1869 entdeckte Depression sich über die ganze Libysche Wüste erstreckt, oder vielmehr von dem Libyschen Küstenplateau (diesen Ausdruck möchte ich vorschlagen für den jetzt gebräuchlichen "Libysches Wüstenplateau") sich bedeutend nach Süden zu ausdehnt. Hierin lag zugleich die Aufgabe einer Erforschung der ganzen Libyschen Wüste; denn als Endziel war die Erreichung der Oase Kufra in Aussicht genommen.
Gleich beim Verlassen der Oase Dachel konnten wir eine merkliche Steigerung beobachten, wie ja überhaupt, mit Ausnahme von Siuah, alle Uah-Oasen höher als der Ocean gelegen sind und nur relativ Depressionen bilden. In Regenfeld waren wir schon über 300 M. gestiegen, und als wir dann nach Nord einige Grade zu West den Weg fortsetzten, fanden wir zwar eine allmälige Absenkung aber erst in Siuah konnten wir eine eigentliche absolute Depression constatiren. Die Producte des Meeres, die hier gefunden wurden, die Abwesenheit von Süßwasserbildungen oder gar von Nilschlamm schließen aber auch hier jeden Gedanken aus, daß der Nil sich durch diese Depression in die Syrte ergossen habe.
Unser Vormarsch in Regenfeld war verhindert worden durch hohe Sanddünen, welche von NNW. zu SSO. Richtung hatten und 100-150 M. hoch waren. Ein Vormarsch in westlicher Richtung war somit unmöglich geworden, theils wegen der Kamele und theils weil aus Mangel an Wegweisern keine Depositorien mehr angelegt werden konnten. Denn zwischen den Dünen war nicht etwa bloses Gestein, sondern tiefer Sand, welcher das Errichten von Wegzeichen unmöglich machte. Wir hatten also Ein einziges Sandmeer vor uns, nur unterbrochen durch 1—1-1/2 Kilometer auseinanderstehende Sandketten.
Die Sanddünen sind Meeresprodukt; ihre Formenveränderungen sind im Allgemeinen constant. Daß die Winde, die hier meist von NNW. nach SSO. wehen, während der Chamsin gleiche Richtung, aber aus entgegengesetztem Pole hat, sie verursachen, glaube ich nicht; denn dann müßten sie in der Grundform in der dem Winde entgegengesetzten Richtung laufen, sie verlaufen aber mit dem Winde.
Was die Wärmeverhältnisse anbetrifft, so hatten wir diesmal sehr geringe Schwankungen. Während auf früheren Reisen in der Wüste im Winter eine Differenz von 30º beobachtet wurde, hatten wir diesmal im Februar, welcher sich als der kälteste Monat herausstellte, einen Unterschied, der bedeutend geringer war, wenig mehr als die Hälfte. Eine mittlere Zahl kann ich noch nicht aus meinen viermal täglich angestellten Beobachtungen geben. Aber im Februar hatten wir sieben Tage, wo das Thermometer unter Null war, und am 16. zeigte das Thermometer sogar -5°. Die größte Wärme, welche im Februar beobachtet wurde, betrug nicht mehr als 24° und dies nur an zwei Tagen. Auffallend war die Erscheinung eines dreitägigen Regens in der Libyschen Wüste, und zwar erstreckte sich dieser Regenfall über ein ziemlich großes Terrain: denn in Dachel und Farafrah hatte es an denselben Tagen auch geregnet, während man aber in dem dem Mittelmeere näher gelegenen Siuah keinen feuchten Niederschlag gehabt hatte. So war denn auch der Feuchtigkeitsgehalt der Wüste ein ungemein bedeutender und nur, wenn Südwind eintrat, zeigte sich plötzlich eine auffallende Trockenheit in der Atmosphäre. Leider mußten Untersuchungen über den Electricitätgehalt der Luft ausgesetzt werden, weil die magnetische Nadel des mitgenommenen Electrometers sich als zu schwach erwies; sie reagirte gar nicht. Aeußerst interessant waren die Untersuchungen über Ozongehalt, wie man sich aus den demnächst zur Veröffentlichung kommenden Beobachtungen Zittels wird überzeugen können. Je offener der Himmel war, und je entfernter wir von bewohnten Plätzen waren, desto mehr Ozon wurde bemerkt. Bei herrschendem Samum war äußerst wenig Ozon vorhanden.
Ich unterlasse es hier, ausführlich über die von uns angetroffenen Völker in den Oasen zu reden. Bekannt ist, daß die Bevölkerung von Siuah berberischer Herkunft ist. In Uah-el-Beharieh, Farafrah und Dachel ist zweifelsohne die Abstammung der Bewohner dieselbe, wie die der Fellahin im Nilthale; doch haben sich in Uah-el-Beharieh und Dachel einzelne Araber früher seßhaft gemacht. Hervorheben müßte ich noch, daß es Prof. Ascherson gelungen ist, nachzuweisen, daß nicht Farafrah die Oase Trinythis der Alten ist, sondern daß dieser Name mit der Oasis magna in Verbindung gebracht werden muß.
Was die archäologischen Ergebnisse anbetrifft, so beruhen dieselben auf genauen photographischen Bildern, welche die Expedition von den Tempeln in Chargeh und Dachel gemacht hat. Zu diesem Behufe mußte der Tempel in Dachel erst ganz vom Schutte und Sand ausgeräumt und zum Theil 50 Centner schwere Blöcke entfernt werden. Prof. Ebers in Leipzig, der die Güte hatte, die Bilder durchzusehen, hat auf den Tempelwänden von Dachel den Namen des Kaisers Vespasian gelesen und der berühmte Aegyptologe ist der Ansicht, daß die feineren Skulpturen von allgemeinen Künstlern hergestellt seien, während die gröberen von Dachelaner Steinhauern selbst ausgeführt worden wären. Viel ergiebiger und interessanter zeigten sich die Inschriften des Tempels von Chargeh. Wir sehen dort den opfernden König Darius, dem Ammon Libationen und Rauchopfer anbietend. Darius wird als Liebling des Ammon von "Heb" (dies der alte Name für Chargeh) bezeichnet, auch ein bisher Ebers unbekannter Vorname des Darius, "Basetut", ist angeführt. Nach Ebers wurde der Tempel von Chargeh erst nach dem Tode Darius vollendet; daher die vielen leeren Königsschilder, welche ursprünglich für den Namen des Darius bestimmt waren. Die sehr interessanten Inschriften, schrieb mir Ebers, beweisen, daß das ganze ägyptische Pantheon, Ammon an der Spitze, in der Oase verehrt wurde, daß dort eine ägyptische Priesterschaft mit reichlicher Versorgung dem Cultus vorstand, daß Chargeh Heb hieß, daß Darius als König Aegypten und wahrscheinlich auch die Oasen besucht hat. Daß auf einer der Platten, welche in Kairo Brugsch vorgelegt wurde, dieser Gelehrte den alten Namen der Hauptstadt der Oase Dachel als "Mondstadt" bezeichnet fand, glaube ich schon mitgetheilt zu haben.
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