Tunesien - Geschichte



Frühgeschichte

Die Küstenregion von Tunesien wurde im 10. Jahrtausend V. Chr. von den Phöniziern besiedelt. Im 6. Jahrhundert v.Chr. entwickelte sich Karthago zur bestimmenden regionalen Macht, wurde jedoch im 2. Jahrhundert v.Chr von Rom erobert. Für das Römische Reich war das Gebiet vor allem als Getreidelieferant wichtig. Im 5. Jahrhudert n.Chr. herrschten auf dem Gebiet des heutigen Tunesien die Vandalen, im 6. Jahrhundert die Byzantiner bevor es im 7. Jahrhundert von den Arabern erobert wurde. Die Araber gründeten u.a. Al Qayrawan. Die Region wurde als Ifriqiya bekannt und die Berber-Bevölkerung konvertierte zum Islam. Im Laufe der Zeit folgten mehrere muslimische Dynastien aufeinander. Die Regierungen der Aghlabiden (9. Jhdt.) und der Ziriden (seit 972), berberische Anhänger der Fatimiden, waren besonders erfolgreich. Als es jedoch 1050 zu Konflikten zwischen den Ziriden und den Fatimiden in Kairo kam, zerstörten die Fatimiden die Ziriden-Dynastie in Tunesien.

Die Küsten des heutigen Tunesien wurden im 12. Jahrhundert kurz von den Normannen Siziliens gehalten. 1159 eroberten die marokkanischen Almohaden-Kalifen Tunesien. Die Almohaden wurden durch die einheimischen Dynastie der Hafsiden (1236 - 1574) verdrängt, unter deren Herrschaft Tunesien florierte. In den letzten Jahren der Hafsiden eroberte Spanien zahlreiche tunesische Küstenstädte, die aber durch ottomanischen Türken wieder dem Islam zugeführt wurden. Unter den türkischen Gouverneuren, den Beys, erreichte Tunesien praktisch seine Unabhängigkeit. Im späten 16. Jahrhundert entwickelte sich die tunesische Küste zu einer Piratenochburg. Die Hussein-Dynastie der Beys dauerte von 1705 bis 1957.

Europäischer Einfluss und nationalistische Entwicklungen

Im 19. Jahrhundert gaben hohe Schulden, die die Beys angehäuft hatten, europäischen Mächten einen Anlass zur Intervention in Tunesien. Frankreich, Großbritannien und Italien und Tunesien kontrollierten ab 1869 die Finanzen Tunesiens. Eine Reihe von Vorfällen, darunter Angriffe von Tunesiern auf Algerien (französischer Besitz seit 1830), führten zu einer französischen Invasion in Tunesien. Der Bey war gezwungen, die Verträge von Bardo (1881) und Mersa (1883) zu unterzeichnen. Mit den Verträgen etablierte Frankreich in Tunesien ein Protektorat unter einem französischen Generalresidenten. Das französische Protektorat wurde von Italien, das wirtschaftliche Interessen und zahlreiche Staatsangehörigen in Tunesien hatte, abgelehnt. Italiens Haltung wurde immer aggressiver und in den Jahren unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg drohte das Land auch mit der Annexion Tunesiens.

Recht früh entwickelten sich in Tunesien nationalistische Bewegungen. Im Jahr 1920 wurde die Destour- (Verfassungs-) Partei gegründet. Im Jahr 1934 spaltete sich, angeführt von Habib Bourguiba, eine radikale Fraktion ab und bildete die Neo-Destour-Partei. Im Zweiten Weltkrieg kam Tunesien nach dem Fall von Frankreich (Juni 1940) unter die Herrschaft von Vichy-Frankreich. Große Schlachten des Zweiten Weltkrieges wurden in Nordafrika ausgetragen, so auch in Tunesien. Nach dem Krieg intensivierte sich die nationalistische Agitation. Im Jahr 1950 gewährte Frankreich Tunesien ein hohes Maß an Autonomie. Die französische Bevölkerung in Tunesien war jedoch gegen weitere Reformen und die Verhandlungen scheiterten. Bourguiba wurde 1952 verhaftet, seine Inhaftierung zog in Tunesien eine Welle der Gewalt nach sich.

Tunesien seit der Unabhängigkeit

Im Jahr 1955 gewährte Frankreich Tunesien komplette interne Selbstverwaltung. Die volle Unabhängigkeit erreichte Tunesien im Jahr 1956, Habib Bourguiba wurde Premierminister. Das Land wurde zur Republik im Jahr 1957, als der Bey, Sidi Lamine, durch eine Abstimmung der verfassungsgebenden Versammlung abgesetzt wurde. Bourguiba wurde daraufhin Präsident Tunesiens. Bourguiba verfolgte im Allgemeinen eine pro-westliche Außenpolitik, die Beziehungen zu Frankreich wurden jedoch durch die Unabhängigkeit Algeriens, die Tunesien unterstützte und die Evakuierung französischer Truppen aus Tunesien strapaziert. Die französischen Marine-Anlagen in Bizerte waren 1961 Schauplatz von gewalttätigen Auseinandersetzungen; Frankreich entschloss sich 1963, die dortigen Truppen abzuziehen.

Die Beziehungen zwischen Tunesien und Algerien verschlechterten sich nach der Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962 als es zu Grenzstreitigkeiten zwischen den beiden Ländern kam. Dieser Konflikt wurde erst 1970 gelöst. Bourguibas Zustimmung zu einer Verhandlungslösung mit Israel im arabisch-israelischen Konflikt belasteten Tunesiens Beziehungen zu anderen arabischen Ländern. Im Inland konzentrierte sich Bourguibas Politik auf Modernisierung und Wirtschaftswachstum. Eine Agrarreform, in der Genossenschaften gebildet wurden, begann 1962 kam aber schon 1969 durch Korruption und fehlerhafte Umsetzung wieder zum Stillstand.

In den 1970er Jahren kam sowohl zur Verschärfung des Konflikts zwischen Liberalen und Konservativen innerhalb der regierenden Destourpartei als auch zu öffentlichen Demonstrationen gegen die Regierung. Aussenpolitisch pflegte die sozialistische Regierung Bourguibas lange Zeit gute Beziehungen zu Frankreich und wurde zu einem mäßigenden Einflussfaktor in der arabischen Liga. 1981 erlaubte Bourguiba die Bildung von Oppositionsparteien, im selben Jahr wurden Parlamentswahlen abgehalten. 1986 gab es sechs legale Oppositionsparteien. Die 1980er Jahre waren jedoch im Großen und Ganzen durch Unruhen und Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Ausserdem musste für den gealterten Präsidenten Bourguiba ein geeigneter Nachfolger gefunden werden.

1987 wurde Bourguiba von General Zine El Abidine Ben Ali abgesetzt. Die neue Regierung nahm die diplomatischen Beziehungen zu Libyen wieder auf und unterzeichnete einen Vertrag über wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Libyen, Algerien, Mauretanien und Marokko. Ben Ali machte zunächst Schritte in Richtung liberaler Reformen, aber nach der Wahl 1989, in der islamische Aktivisten zahlreiche Stimmen erhielten, leitete er repressive Maßnahmen gegen sie ein. Während des Wahlkampfes 1994 verhaftete die Regierung politische Dissidenten und verbot der islamistischen Partei Al Nahda die Teilnahme an den Wahlen. Ohne wirkliche Herausforderer erhielt Ben Ali hat fast 100 % der Stimmen.

Im Jahr 1999 wurde Ben Ali wieder mit fast 100 % gewählt. Eine Verfassungsänderung, die 2002 in einem Referendum bestätigt wurde, erlaubte es dem Präsidenten, mehr als zwei Amtszeiten zu regieren, 2004 wurde Ben Ali mit 95 % der Stimmen wiedergewählt - auch hier gab es nur eine symbolische Opposition. Die Erdrutschsiege von Ben Ali und der Regierungspartei waren von Einschüchterungen und glaubwürdigen Wahlbetrugsvorwürfenvorwürfe geprägt.
Remo Nemitz